Aufsatz 
Vier Wochen in London zum Ferienkursus 1906
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

seien, und viele andere Schriftsteller und Witzblätter wurden zum Beweise herangezogen. Herr Macdonald deklamierte meisterhaft eine Anzahl von Gedichten und zeigte sich eines Abends als hervorragenden Charakterdarsteller.

Auch Herr Brigstocke hatte einen Vortrag angekündigt: The Gates of London (Londons Tore); er wurde jedoch in der letzten Woche krank und konnte ihn darum nicht halten. Statt seiner trug Prof. Rippmann einige z. T. ergreifende Prosastücke vor: eine japanische Erzählung Kokoro, eine Geistergeschichte. S. A. Tipple's verlorene und gefundene Schönheit, u a. Gleich mir haben sich wohl viele dabei gewundert, wie schnell sich das Englische sprechen läßt.

So wäre ich zu dem Manne gekommen, der die Seele des ganzen Ferienkurses war, Professor Walter Rippmann. Seine Vorträge über The Sounds of Spoken English (die Laute des gesprochenen Englisch) und Practical Phonetics(die praktischen phoneti- schen UÜbungen) waren für die Zuhörer diejenigen, woraus sie am meisten lernten zur eigenen Belehrung und für die amtliche Tätigkeit. Leider ist der Gegenstand nicht von allgemeinem Interesse, so daß ich mich auf einige wenige Angaben beschränke. Bei der Besprechung der englischen Laute lehnte sich Prof. Rippmann an das von ihm heraus- gegebene empfehlenswerte Werkchen an: The Sounds of Spoken English. Er betonte dabei, daß der Engländer beim Sprechen die Lippen möglichst wenig bewegt und die Worte weit mehr als der Deutsche oder gar der Franzose im Munde hervorbringt, daß die Zungenspitze in gewöhnlicher Lage etwas mehr nach dem Oberkiefer gehoben ist, als bei. uns, und daß die Schneidezähne fast aufeinander stehen. Wenn man Deutsch in dieser Weise spricht, hört man, daß es ganz anders klingt als bei unserer gewöhnlichen Art der Aussprache. Er machte ferner aufmerksam auf die auch im Englischen vorhandene Bin- dung: an only child, as it is, were often, for ever and ever, auf den Ausfall des einen oder anderen Kosonauten bei raschem Sprechen: tel[hſim, siſt down, wen ſt]to, anſd) better, auf die Dehnung des Vokals vor stimmhaftem Auslaut: bad bat, fade fate, feed feet, bid bit; auf die gänzliche Verstummung des r nach Vokalen: fa ſr] ofr] hefrh auf die Betonung: Hyde Park, North End Road usw. In den phonetischen UÜbungen diktierte er den Teilnehmern einige Sätze und schrieb dann den Wortlaut in phonetischer Umschrift auf die Tafel. Gar oft deckte sich unser Niedergeschriebenes nicht mit dem Diktat. Da- nach behandelte er eingehend die Aussprache der einzelnen Wörter, der Wortgruppen, Satz- teile und Sätze und wies hin auf den großen Unterschied in der Aussprache desselben Wortes, wenn es betont und unbetont ist. Um uns auf den Besuch von Harrow on the Hill vorzubereiten, hielt er einen Vortrag über diese alte von John Lyon gegründete Schule (A few notes on the School of John Lyon at Harrow). Er erwähnte darin einen Vorfall, der ein charakteristisches Beispiel des echt englischen Unabhängigkeitssinnes der Schüler bot, schilderte, wie Peel, Byron, Palmerston u. a. dort ihren Studien mehr oder weniger eifrig oblagen, sprach von den bedeutendsten Leitern und Lehrern der Anstalt, kurz wußte uns ein sehr lebendiges Bild von ihrer Entstehung, ihrem Wachstum und ihrer heutigen Gestaltung zu entwerfen.