— 40—
70. And doch! und doch! ich kann's nicht leugnen, bei allem Bewundern und Verwundern über dieſe Fülle, dieſe Gewalt, dieſen Reichtum— zuletzt überwiegt in mir die Sehnſucht, von Nietzſche wieder loszukommen, aus den Gängen und Höhlen ſeiner Gedanken hinauszutreten wieder unter den wirklichen Himmel, auf die wirkliche Erde, in den Schein der wirklichen Sonne; aus dem furchtbaren Getriebe der zerſchneidenden, zerreißenden, zerwühlenden Räder und Kolben und Stangen in die wahre Welt des lebendigen Gottes. Man kann ſich des Gedanlens kaum erwehren: wenn ein Menſch eine ſolche Arbeit vollbringt, wie Nietzſche ſie vollbracht hat, ſo muß zuletzt ſein Or⸗ ganismus zerſtört werden. Denn es iſt eine Arbeit nicht nur von ungewöhnlich großem äußerem Amfang und innerem Schwergewicht, ſondern zugleich eine Arbeit, die lange Jahre hindurch im Zuſtand leidenſchaftlicher Aeberhitzung getan worden iſt. Wie ſind alle Gedanken und alle Ausdrücke ins Extrem hinaufgetrieben! Alle Grade der freien Meinungsäußerung müſſen durchgeprobt ſein, bis zum„Dynamit“, der die Menſchheit in die Luft ſprengt und ihre Geſchichte„in zwei Hälften ſpaltet“. Die durch ſein körper⸗ liches Leiden doch nur begünſtigte und geſteigerte Vorliebe für die aphoriſtiſche und änigmatiſche Schreibweiſe iſt ebenſo der Ausdruck ſeiner Neigung zu allem Aeußerſten, wie dieſe wieder durch jene gefördert wurde. Wie ihm die ganze Menſchheitsgeſchichte nur um der„höchſten Exemplare“ willen da zu ſein ſcheint, ſo gelten im Reich der Ge⸗ danken nur noch die höchſten Punkte.„Im Gebirge iſt der nächſte Weg von Gipfel zu Gipfel“, ſpricht Zarathuſtra;„Sprüche ſollen Gipfel ſein.“ So ſchreitet er von Gipfel zu Gipfel— aber es fragt ſich, ob er von den luftigen Höhen herab die unter ihm liegenden Niederungen der Wirklichkeit noch ſcharf zu ſehen und richtig zu beurteilen vermag. Ein objektiver Beobachter der Welt nach der Art Goethes iſt Nietzſche nicht geweſen, hat er im Grunde nicht ſein wollen. Es iſt alles bei ihm ganz perſönlich, ganz durchgefühlt und durchgelebt. Was er ſchreibt, iſt mit ſeinem Herzblut geſchrieben. Dieſe heftige Anteilnahme des Ich an ſeiner Arbeit iſt die Größe, mit der er uns bei allem Widerſpruch immer wieder zu ſich zwingt. Zugleich aber hat ſeine gegen das Ende immer mehr hervortretende Vorliebe für die ſchärfſten Gegenſätze auch dem, von mir ſelbſt gerühmten, Reichtum ſeines geiſtigen Lebens und Hervorbringens empfind⸗ lichen Eintrag getan. Wie einfach, aber auch wie roh ſind zuletzt die Begriffe, die Sche⸗ mata und Schlagwörter, unter die er alles unterordnet, Herrenmoral und Sklavenmoral, Macht und Schwäche, Aufſteigen und Abſteigen! wie wenig geeignet, die unendliche Mannigfaltigkeit, die unerſchöpfliche Fülle des wirklichen Daſeins zu umfaſſen, der Breite und Tiefe des geſchichtlichen Lebens gerecht zu werden! Ein ſolches Verfahren zeugt von Kühnheit des Denkens, aber es iſt zugleich in der Hand eines rückſichtslos „Schaffenden“ ein äußerſt gefährliches Werkzeug; und es widerſpricht im höchſten Grad den Forderungen, die einſt Nietzſche ſelber aufgeſtellt hatte, ſolange er noch für griechi⸗ ſches Maßhalten begeiſtert war. Wie weit iſt er ſpäter Stufe um Stufe von dieſem vornehmen Ideal herabgeſunken! bis dahin, daß er zuletzt ſelber zu der„Magie des Extrems“ ſich bekennt als dem Zauber der„Verführung, die alles Aeußerſte übt: wir Immoraliſten, wir ſind die Aeußerſten.“
71. Von hier aus bekommt auch die zu Anfang aufgeſtellte Frage, ob Nietzſche ſich zum Führer, insbeſondere zum Führer der Jugend eigne, weiteres Licht, die vernei⸗ nende Antwort auf dieſe Frage weitere Begründung. And wie vieles andere noch be⸗ ſtärkt uns in dieſer Ablehnung! Welcher Nietzſche denn— ſo müſſen wir fragen— ſollte der Führer ſein? Wie verſchiedenartig ſind die Wege, die er ſelber gegangen iſt! die Nichtungen, in die er gewieſen hat! Die Mahnung, die er uns gibt: Werde, der du biſt! kann für uns in beſtimmten Zuſammenhängen und Beleuchtungen ſehr wertvoll ſein; ſie kann z. B. für die Chriſten heißen: bilde deine individuelle Begabung ſo aus, daß du als einzigartig wertvolle Perſönlichkeit ein möglichſt tüchtiges Glied des Reiches Gottes werdeſt. Aber für ſich allein weiſt dieſe Formel unſerem Denken kein Ziel, gibt ſie unſerem Willen keine Orientierung. Gerade ſo, wie Nietzſche ſie je länger deſto deutlicher ausgelegt hat, führt ſie uns über das pflanzliche und tieriſche Daſein nicht hinaus; Pflanze und Tier werden am allerſicherſten das, was ſie ſind.
And überdies: welche ſeiner Worte ſollen wir ernſt nehmen? wo ſollen wir ihn packen, wo ihn feſthalten? welche ſind bloß als geiſtreiches Spiel ſeines Witzes, als dichteriſch verklärte Kinder augenblicklicher Laune aufzufaſſen? welche abſichtlich ſcharf
Br 1, 340.
56.
15, 451.


