E 48.
Br 1, 345.
Br 1, 267 ff.
11, 218.
— 39—
den!— die innere Geſchloſſenheit des Weſens Jeſu hat nicht einmal Nietzſche antaſten können. Man hat den Hinweis auf jene Widerſprüche mit der Bemerkung zu ent⸗ kräften geſucht, daß ſie nichts anderes darſtellen, als den unvermeidlichen Anterſchied zwiſchen Ideal und Wirklichkeit. Auch Nietzſche ſelber hat dies getan. Eben das iſt es aber, was wir einer einſeitig bewundernden Aeberſchätzung Nietzſche's gegenüber feſtſtellen wollten: daß bei ihm dieſer Anterſchied außerordentlich groß iſt und an ſehr vielen Punkten zu Tag tritt— durchaus nicht immer zum Nachteil ſeines ſittlichen Wertes, aber zum Schaden der Einheitlichkeit ſeines Geſamtbildes. Er iſt Dichter, er denkt ſich als Jarathuſtra⸗Dionyſos in eine Welt hinein, die niemals da war und niemals ſein wird. Jeſus braucht ſich nicht erſt„in Gedanken“ in eine höhere Welt zu verſetzen, ſondern er lebt in der höchſten Welt ewiger Gottesliebe und ewiger göttlicher Kräfte; Leben, Wort, Werk, Perſon ſind bei ihm eins. Bei Nietzſche— ich führe nur Beiſpiele an— welch ein Lobpreis der Anſchuld und Kindlichkeit, des Lachens und der Heiterkeit! welch ein Verlangen herauszutreten aus dem Widerſtreit von Sollen und Sein, von Wollen und Können— und wie wenig von allen dieſen Idealen iſt in ſeinem Leben verwirklicht worden! Im„Ecce homo“ ſteht, eingegeben von der theo⸗ retiſchen Hochſchätzung inſtinktmäßiger Sicherheit und Naivität des Lebens, die Behaup⸗ tung:„Es fehlt in meiner Erinnerung, daß ich mich je bemüht hätte,— es iſt kein „Zug von Ringen in meinem Leben nachweisbar“— und dem gegenüber der wirkliche Nietzſchel der Mann, der ſein ganzes Leben hindurch der„Bergſteiger“, der Soldat war, der Mann der unausgeſetzten äußerſten Anſpannung aller Willenskräfte! der ſich einſt das ſchöne Loſungswort eines brandenburgiſchen Markgrafen erkoren hatte: „Vorwärts alle Zeit mit ſtrengem Fechten“! Auf der anderen Seite wieder welch ein ungeheuerlicher Widerſpruch zwiſchen dem zartempfindenden Gefühlsmenſchen Nietzſche und den Idealen der Härte, Grauſamkeit, Gewalttätigkeit ſeiner Herrenmenſchen! welch eine Verherrlichung der Kraft und Geſundheit des Leibes, gerade weil er einen großen Teil ſeines Lebens hindurch körperlich ſo überaus ſchonungsbedürftig und zerbrechlich war! welch ein geringſchätziges Verachten aller ſtillen Geduld, alles Tragens und Sich⸗ fügens, aller weichen Regungen der Liebe, des Mitleids, der Rückſichtnahme auf die Schwachen, Kranken, Notleidenden— in ſeinen Schriften! und daneben welch ein Hun⸗ ger nach Liebe, welch ein Begehren des rückſichtsvollen, teilnehmenden Verſtändniſſes von ſeiten der Nebenmenſchen, und auf ſeiner Seite gegen die andern ein hohes Maß von Gütigkeit und Mitgefühl, ſoweit er eben mit ihnen in Berührung trat!— So hat er immer das am heftigſten bekämpft, von was er ſelber nicht loskam, und das am höchſten gerühmt, was er ſelber nicht hatte. Das Idealiſieren des Gegenteils von dem, an was man am meiſten leidet, was man am meiſten entbehrt: Nietzſche ſchreibt es anderen zu, und er hat damit zugleich ſich ſelbſt gezeichnet.
69. Aber: ecce homo!— Mit allen dieſen Zügen ſeines Weſens, ſeinen Schwä⸗ chen und ſeinen Vortrefflichkeiten, ſeinen Tugenden und ſeinen Fehlern war Nietzſche ein ganzer, voller Menſch; denn er war ein Kämpfer. And darum wird ſicherlich kein geiſtig Lebendiger ſich eingehend mit ihm beſchäftigen können, ohne von ihm gepackt, ja bis ins Innerſte des Denkens und Empfindens bewegt zu werden. Ich halte es ſogar für faſt unvermeidlich, daß ein Menſch, der noch nicht in Charakter und Lebensrichtung gefeſtigt iſt, von dem blendenden Glanz, dem glühenden Feuer dieſer Perſönlichkeit, dieſes Lebens, dieſes Denkens förmlich umgeworfen wird. Es iſt eine ſo unſägliche Fülle von blitzenden Gedanken und glitzernden Worten, geiſt⸗ und kraftvollen Sprüchen, mit denen er uns überſtrömt; von unvergleichlich feinen und klugen Dingen, ſcharf, ſpitzig, boshaft und wieder voll von erſchütterndem Pathos, von der lodernden Flamme der Leidenſchaft, der Begeiſterung, der Hoffnung entzündet, durchweht von dem ergreifen⸗ den Hauch der Wehmut, der Klage, durchtobt von dem Sturm des Schmerzes bis zum Rand der Verzweiflung, daß jedes fühlenden und verſtehenden Menſchen Herz davon in allen ſeinen Tiefen erbeben muß. So groß iſt der Reichtum der Gedanken, ſo hinreißend der Reiz der Sprache, in die er ſie kleidet, daß, wer längere Zeit mit Nietzſche ſich beſchäftigt, kaum mehr irgend etwas ſehen, hören, denken, erleben kann, ohne mit ſeinen Augen zu ſehen, mit ſeinen Worten zu bezeichnen, mit ſeinen Farben zu malen; daß aber auch— wie jetzt ſchon die Tatſachen zeigen— alle Gebiete moderner Wiſſenſchaft, Kunſt und Lebensgeſtaltung ſich mit ihm auseinanderſetzen müſſen.


