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Liebe, Freundſchaft, Himmel. Er beſchreibt nicht bloß mit Worten die Leidenſchaft der Erkenntnis,„die neue Leidenſchaft“ einer Zeit,„die vor keinem Opfer erſchrickt und im Grunde nichts fürchtet, als ihr eigenes Erlöſchen“; ſondern in ihm ſelber lebt dieſe Leidenſchaft,„die Großmüthigkeit des Denkers———, daß er als Erkennender ſich ſelber und ſein Leben unverzagt, oftmals beſchämt, oftmals mit erhabenem Spotte und lächelnd— zum Opfer bringt.“ Aber etwas Höheres noch als bloß der Ernſt der Er⸗ kenntnis, ein glühender Eifer, die eigene Perſönlichkeit immer vollkommener zu ge⸗ ſtalten, immer höher emporzutreiben, hat ihn erfüllt. Mit einer Tapferkeit, die nicht wohl übertroffen werden kann, hat er ſeine„Aeberwindungen“, ſeine„Abſchiede“ durchgekämpft, hat er ſein körperliches Leiden und die Qual der Einſamkeit und Erfolgloſigkeit getragen, hat er ſein„gefährliches“ Leben geführt— ſo gefährlich, daß er darin untergegangen iſt:„die Gefahr—, daß der Menſch ſich an der erkannten Wahrheit verblute“— das war ſeine Gefahr. Wenn er rückſichtslos war gegen andere, ſo war er es gewiß jeder⸗ zeit am meiſten gegen ſich ſelber, und immer nur um der Sache willen; wie auch ſeine beſten Freunde ihm das Zeugnis geben dürfen, daß ſein ungemeſſener Ehrgeiz, ſein all⸗ mählich bis zum Größenwahn ſich ſteigerndes Selbſtlob aus dem Eifer begriffen werden muß, mit dem er ſeine ihm heilige Aufgabe vertrat.
67. Freilich— gerade hier auf dem Gebiet des Lebens, das ich höher ſchätze als ſeine Ideen, liegt auch Nietzſche's größte Schwäche; nicht eine Schwäche, die ihn überhaupt unter das Maß menſchlicher Größe herunterdrückte, aber die uns recht deut⸗ lich den Abſtand zum Bewußtſein bringt zwiſchen ihm und dem Menſchen, deſſen Größe und Herrlichkeit er nicht verſtanden hat, Jeſus von Nazareth. Nicht in erſter Linie auf die theoretiſchen Anvollkommenheiten, die Lücken und Widerſprüche in ſeiner literari⸗ ſchen Arbeit, ſondern auf das Bild ſeiner Perſon und ſeines Lebens wird ſich das Arteil derer gründen, die Nietzſche zu den Menſchen höchſten Ranges und größter ge⸗ ſchichtlicher Bedeutung nicht zu zählen vermögen. Er hat das„Schaffen“ geprieſen, nach dem„Schaffen“ ſich geſehnt— und er iſt doch kein im höchſten Sinn des Wortes ſchöpferiſcher enſch. Sein Lebenswerk iſt weit mehr zerſtörend, zerſetzend, als auf⸗ bauend. Wie wenig ſeine poſitiven Schöpfungen innere Haltbarkeit beſitzen, habe ich an einigen Punkten darzulegen verſucht. Man kann alles Beſtehende in Frage ſtellen, ohne doch die Welt einen Schritt weiterzubringen. Und ſelbſt die„Schaffung“ neuer Werte iſt keine Gewähr für bleibende Größe, wenn das Geſchaffene nicht mit dem Grund⸗ willen, der in der Welt waltet, übereinſtimmt. Auch die Stellung, die Nietzſche zum Leben der Menſchen um ihn her eingenommen hat, iſt nicht die der belebenden, ſchöpferi⸗ ſchen Größe. Bei allen einzelnen Zügen von Freundlichkeit auch gegen die Niedrigen, von feinem Zartgefühl, von Dankbarkeit und Höflichkeit gegen ſeine Amgebung war er doch weit überwiegend nicht bloß theoretiſch, ſondern auch praktiſch der Mann des ‚ariſtokra⸗ tiſchen Radikalismus“. Ein Menſch aber, der ſein Leben fern vom Getümmel des Lebens, in der einſamen Höhe ſeiner Gedankenwelt führt, weich, empfindſam, leidend, bei allem Heroismus des inneren Lebens doch wieder kampfesſcheu und lebensflüchtig, in der Zurückgezogenheit von Amt und Familie, Staat und Geſellſchaft, ja aus der ganzen geſchichtlich gegebenen Wirklichkeit, peinlich beſorgt um ſeine Lebensweiſe, ſeine Nahrung, ſeine Aufenthaltsorte, ſeinen Amgang:— das iſt nicht das Metall, aus dem Gott die entſcheidenden Waffen für die großen Kriege der Menſchheitsgeſchichte ſich zu⸗ bereitet.
68. Wie rein, feſt und ſicher ſteht doch das Bild des Menſchen Jeſus vor uns im Vergleich mit der inneren Anruhe und Jerriſſenheit, dem beſtändigen Schwanken und Schillern, das nicht bloß Nietzſche's Ideenwelt, ſondern auch ſein ganzes Leben und ſeine Perſon uns zeigt! Nur einer Zeit, die ſelber ſo unklar und unſicher iſt wie die unſrige, kann der Gedanke kommen, Nieetzſche als Perſönlichkeit in eine Linie mit den größten Geiſtern aller Zeiten oder gar über ſie alle zu ſtellen.„Wie? Muß ich immer⸗ dar unterwegs ſein? Von jedem Wind gewirbelt, unſtät, fortgetrieben?“ dieſe Worte des„Schattens“ im vierten Teil des„Zarathuſtra“ ſind aus Nietzſche's eigener Erfahrung heraus geſchrieben. Bei Jeſus ſehen wir die vollkommene Alebereinſtimmung, bei Nietz⸗ ſche die größten Widerſprüche der Worte mit dem Leben. Wie oft redet er ſelber von der Maske, die er trage, von der Oberfläche, dem Vordergrund, hinter dem er ſich ver⸗ ſtecke, um es unter den Menſchen aushalten zu können und von ihnen ertragen zu wer⸗
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