4, 297.
2, 369.
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dung über die Wahrheit, die Nietzſche ſelber gebraucht. Freilich in demſelben Maß, wie wir Höhe und Weite jener Begriffe über alle einzelnen, begrenzten Gebiete hinaus ſteigern, nimmt andererſeits die praktiſche Anwendbarkeit dieſes Kriteriums der Wahrheit ab. Bezeichne ich als Wahrheit die Aebereinſtimmung mit Gott, alſo mit der Macht, welche der Welt ihren Sinn gibt und verbürgt, ſo verbinde ich eben damit Wahr⸗ heitserkenntnis und Glücksgefühl aufs engſte miteinander. Denn wenn man nicht über⸗ haupt auf eine ſinnvolle Weltordnung verzichten will, ſo iſt es nicht anders denkbar, als daß die Aeberſtimmung mit den zuletzt in der Welt ſiegreichen Gedanken das höchſte Glück gewährt. Zugleich ſchiebe ich aber die letzte, vollkommen zutreffende und vollkom⸗ men gewiſſe Entſcheidung über Wahrheit und Anwahrheit in die Ewigkeit hinaus. Solange wir in der Welt, d. h. in der Zeit, in der Entwicklung leben, wird es der Glaube oder das Vertrauen, alſo eine Kraft des Gemütes ſein, womit wir die höchſten Wahrheitsgedanken ergreifen; deswegen nicht minder feſt, als wenn der Verſtand unſere Aeberzeugung begründete, doch immerhin ſo, daß, gemeſſen eben mit den Mitteln des Verſtandes— Begriff, Arteil, Schluß— dieſe Aeberzeugung als ein Vermuten, ein größeres oder geringeres Maß von Wohrſcheinlichkeit erſcheint. Aber es wäre auf die Dauer jedes ernſte Suchen nach Erkenntnis unmöglich, wenn wir nicht die Gewißheit in uns tragen dürften: die Welt iſt ſo geordnet, daß Annäherung unſeres Erkennens an den Sinn der Welt zugleich Annäherung an das Leben bedeutet; und ſich dem Leben nähern, das heißt doch auch im Sinn Nietzſche's dem Glück näher kommen. Es kann nicht ſein— was er als möglich annimmt—, daß der Weg der Erkenntnis der Weg zum Antergang der Menſchheit iſt. Es gibt gewiß— was Nietzſche leugnet— eine „präſtabilirte Harmonie zwiſchen der Förderung der Wahrheit und dem Wohl der Menſchheit“.
Mit der Eindringlichkeit, die Nietzſche ſolchen Gedanken immer zu geben weiß, warnt er uns davor, unſer Ziel zu niedrig zu ſtecken, unſer Behagen zu erbärmlich zu geſtalten, Maſſenerfolge, Zeitſtrömungen, öffentliche Stimmungen und Meinungen zu hoch einzuſchätzen; er zeigt uns, wenn wir ſeine Gedanken mit den Worten des von ihm ſo wenig verſtandenen, ſo übel verleumdeten Apoſtels Paulus ausdrücken dürfen, daß unſer Wiſſen Stückwerk iſt, daß wir jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort ſehen. Das machen wir uns gern aufs neue zu eigen, wenn er's uns in ſeiner beſonderen Weiſe nahe legt. Aber ſeiner bloßen Negation haben wir auch diesmal die Poſition zur Seite zu ſtellen. Anſer Erkenntnisvermögen iſt uns ſchließlich von Gott nicht gegeben als Verführer zum Irrtum, ſondern als Führer zur Wahrheit— gemäß der Skuße des Daſeins, auf die wir geſtellt ſind; ſo etwa wie der Schüler vom Lehrer, wenn nicht auf die höchſten Gipfel des Wiſſens ſelber, doch gewiß auch nicht in Trug und Täuſchung, ſondern auf dem Weg zum GiWpfel geführt wird. Machen wir ge⸗ leitet vom Geiſt der Treue und der Redlichkeit Gebrauch von dem uns anvertrauten Werkzeug der Erkenntnis, ſo bewegt ſich unſer Denken in der Richtung auf die Wahr⸗ heit hin, und je näher wir der Wahrheit kommen, deſto mehr werden wir es auch er⸗ fahren dürfen, daß die Wahrheit uns frei und froh macht— denn Gott, der die Liebe iſt, er iſt auch die Wahrheit.—
Nietzſche's Eigenart und Bedeutung.
66. Auch über Wert oder Anwert der Lehre und des Lebenswerkes eines Mannes wie Nietzſche wird das endgültige Arteil keine Zeit und kein Menſch, ſondern nur die Ewigkeit ſprechen können. Das hat er ſelber gefühlt und, in ſeiner Weiſe, oftmals aus⸗ geſprochen. Wir können von irgend einer geſchichtlichen Erſcheinung immer nur feſtzu⸗ ſtellen verſuchen, was ſie für uns bedeutet, was ſie uns nimmt oder gibt, wie ſie niederdrückend oder erhebend uns berührt, und wir werden auch dabei, je reicher und vielſeitiger die Erſcheinung iſt, um ſo unſicherer gehen.
Bei allem Widerſpruch gegen Nietzſche's Gedanken verkenne ich wahrlich nicht den Adel ſeiner Geſinnung und die Größe des Heroismus in einem Leben, das der Er⸗ kenntnis der Wahrheit geweiht iſt. Er iſt bereit, blind hineinzugehen in ein unbekanntes Land, wo nur die Wahrheit ſeine Führerin iſt; wo er alles hinter ſich laſſen muß, was ſonſt den Menſchen Halt und Troſt, Kraft und Hoffnung gibt— Gott, Ewigkeit,


