Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
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64. Allerdings für ſeine Negation, ſeine Ablehnung des chriſtlichen Ewigkeits⸗ glaubens zeigt er ſeine Gründe klar genug. Er kann, von ſeinen Anfängen an, die Ewigkeit nicht entbehren. Aber ſeineEwigkeit iſt diesſeitig, irdiſch, das ewige Leben des Evangeliums jenſeitig, himmliſch; ſeineEwigkeit nichts als Wiederholung des jetzigen Daſeins, und deſſen ſtärkſte Bejahung als des einzig wertvollen, ja einzig wirk⸗ lichen Seins, die chriſtliche Ewigkeit eine Aufhebung des irdiſchen Lebens und die Herabſetzung desſelben zu einer bloß vorbereitenden Stufe eines anderen Daſeins. Und für Nietzſche erſcheint überdies die Ewigkeit des chriſtlichen Glaubens als gleichbedeutend mit dem Aufhören alles Fortſchreitens, ein träges, ſtarres Ausruhen in dem, was man beſitzt, und Genießen deſſen, was man errungen hat. Das mag ja eine Vorſtellung vom ewigen Leben ſein, die oft und lange die Chriſtenheit beherrſcht hat; aber nimmermehr entſpricht ſie dem Sinn und Geiſt des Evangeliums Jeſu Chriſti. In dem Gedanken der Ewigkeit liegt vielmehr der einer unerſchöpflichen Fülle des Lebens, einer Aufgabe von unendlicher Größe, beides bezeichnet durch das Wort: Gott iſt die Liebe. Der Sinn der Welt iſt die Liebe, d. h. die Herſtellung eines Reiches von geiſtigen Weſen, deren jedes in ſich ſelbſt und durch die innigſte Gemeinſchaft mit den anderen und mit Gott das Ziel vollendeter Perſönlichkeit erreicht. Höher konnte für den erkennenden wie für den wirkenden Geiſt das Ziel nicht geſteckt werden als dadurch, daß dieſes Wort als Loſungswort für Weltdaſein und Weltgeſchichte, als Löſung des Welträtſels ver⸗ kündigt wurde. Eine Ewigkeit wird an der Aufgabe zu arbeiten haben, mit dieſem Ge⸗ danken alles Sein und Geſchehen zu durchleuchten und zu durchdringen.

Nietzſche will keine Jenſeitigkeit und er will doch Ewigkeit, beides mit demſelben leidenſchaftlichen Trotz, Erdenleben und Ewigkeit mit demſelben ſehnlichen Hungern und Dürſten. Aus dieſem Trotz entſpringt ſeine Lehre von der Wiederkunft;Weltanſchau⸗ ungen werden weder durch Logik geſchaffen noch vernichtet. Er bekämpft alle Metaphyſik und doch gibt er durch dieſe Lehre den Beweis dafür, daß auch die ſchärfſte Skepſis mit der reinen Diesſeitigkeit ſich nicht begnügen kann. Er fühlt es, daß dieſes Leben entweder keinen Sinn hat oder daß es in einem Daſein, das jenſeits ſeiner endlichen Begrenzung liegt, ſeinen Sinn finden muß. Iſt es nicht ein andersartiges Leben, ein Leben der Vollendung, das dem zeitlichen Daſein ſeinen Sinn gibt, ſo muß doch dieſes Leben ſelber in unendlicher Wiederholung ſich erneuern. Freilich ein verzweifelter Schritt: durch Multiplikation des Sinnlos⸗Endlichen mit dem Faktor unendlich das Sinnvolle erreichen zu wollen! Als einen Akt der Verzweiflung ſchildert Zarathuſtra ſelber ſeinen Entſchluß zum Gedanken der ewigen Wiederkunft in jenem dämoniſch⸗ſchauerlichen Geſicht vom Hirten und der Schlange.

65. Zwei Glaubensüberzeugungen ſtehen in Nietzſche Zarathuſtra und Jeſus Chriſtus einander gegenüber. Auf Glauben hat auch Nietzſche ſein Gebäude gegründet. Noch in derGötzendämmerung hat er ſich zu ſeinem Glauben bekannt undihn auf den Namen des Dionyſos getauft. Wer will Schiedsrichter ſein zwiſchen Zarathuſtra und Chriſtus, zwiſchen Dionyſos und dem Evangelium? Nietzſche wird nicht müde, uns immer aufs neue es einzuprägen: der Erfolg einer Lehre, das Glück ihrer Be⸗ kenner iſt kein Beweis für ihre Wahrheit. Das Chriſtentum iſt nicht deswegen Wahr⸗ heit, weil es die Religion der Maſſe iſt, ebenſowenig deswegen, weil es ſeinen An⸗ hängern Wohlbehagen bereitet. Aber an was denn ſonſt iſt die Wahrheit zu meſſen? Die bloße Behauptung der Ehrlichkeit des Suchens, der Schärfe und Kühle des Denkens kann dieſen Mangel nicht erſetzen. Die Genialität ſeines Witzes, die Lebendigkeit ſeiner Darſtellung, die Glut ſeiner eigenen Hingebung an ſeine Gedanken können wir nicht als Begründung derſelben gelten laſſen; ebenſowenig die Behauptung, daß ſeine Lehre allein das Leben erhöhe, die Lehre Jeſu es hemme und ſchwäche. In der Art, wie er ene verneinenden Sätze ausſpricht, liegen Wahrheiten von höchſtem Wert und grund⸗ ſätzlicher Irrtum dicht beieinander: es kommt hier alles darauf an, in welcher Höhenlage wir denErfolg, dasGlück ſuchen. Faſſen wir dieſe Worte recht niedrig, ſo iſt die Behauptung Nietzſche's außerordentlich wahr aber auch außerordentlich wertlos, weil unter Denkenden darüber kein ernſtlicher Streit beſteht. Je höher und umfaſſender wir ene Begriffe nehmen, deſto weniger beſteht der Satz Nietzſche's zu Recht; ſagen wir ſtattGlück undErfolg vielmehr Lebenskraft, Lebensfreudigkeit, Lebensgewißheit, ſa⸗ gen wir Sieg des Lebens über den Dod, ſo ſind das eben die Maßſtäbe zur Entſchei⸗

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8, 164.