Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
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willſt:iſt es ſo, daß ich es unzählige Male thun will? iſt das größte Schwerge⸗ wicht. Sie wird mich antreiben, mein Leben ſo zu geſtalten, daß ich am Schluß des⸗ ſelben, wie Zarathuſtra, mit Freudigkeit ſagen kann:War das das Leben? Wohlanl! Noch Ein Mall Nietzſche macht aber gar keinen Verſuch dazu, uns zu zeigen, wie denn dieſe Geſtaltung des Lebens zu einem wiederholenswerten zuſammengehe mit der Behauptung, daß genau dasſelbe, was jetzt iſt und unzählige Male ſchon war, auch wiederkehrt.Dieſe langſame Spinne, die im Mondſcheine kriecht, und dieſer Mondſchein ſelber, und ich und du im Thorwege, zuſammen flüſternd, von ewigen Dingen flüſternd müſſen wir nicht Alle ſchon dageweſen ſein? und wiederkommen müſſen wir nicht ewig wiederkommen?

Dieſe ewige Wiederholung des Gleichen kann ja nicht einmal von irgend einem Bewußtſein als ſolche aufgefaßt, von irgend einem Gefühl als ſolche empfunden werden. Gott iſt tot, ein Weltbewußtſein oder etwas dergleichen an Stelle des lebendigen, per⸗ ſönlichen Gottes gibt es auch nicht, und die Anſterblichkeit der menſchlichen Seele wird geleugnet:Die Seelen ſind ſo ſterblich wie die Leiber. Mit dem Tod des Leibes und der Auflöſung desſelben in ſeine materiellen Beſtandteile hört das Ich überhaupt auf zu exiſtieren. Dadurch unterſcheidet ſich der Wiederkunftsgedanke Nietzſche's auch von der Idee der Seelenwanderung. Hier iſt doch überall die Einheit der die verſchiedenen Lebensformen durchwandernden Seele vorausgeſetzt, damit iſt die Möglichkeit einer Ent⸗ wicklung gegeben, einer fortſchreitenden Erlöſung aus den niederen zu höheren Daſeins⸗ ſtufen. Nietzſche⸗Zarathuſtra dagegen beſtreitet ausdrücklich dieſe Entwicklung und betont die vollkommene Gleichheit des Geſchehens gerade auch mit Beziehung auf die menſch⸗ liche Seele.Ich komme wieder nicht zu einem neuen Leben oder beſſeren Leben oder ähnlichen Leben: ich komme ewig wieder zu dieſem gleichen und ſelbigen Leben, im Größten und auch im Kleinſten. 1

63. Die Frage nach der theoretiſchen Begründung und der inneren Haltbarkeit des Wiederkunftsgedankens wäre freilich gar nicht von ſo großer Wichtigkeit, wenn es ſich hier um irgend einen beliebigen, mehr oder weniger breit ausgeführten Beſtandteil der Lehre Nietzſche's handelte. Aber es kommt dieſer Idee vielmehr die größte ſympto⸗ matiſche Bedeutung zu. Die eigentliche Quelle der Lehre von der Wiederkunft liegt überhaupt weder in dieſer noch in jener Theorie, auch nicht darin, daß er eine mehr oder minder beherrſchende Stellung in einem wirklichen oder geplanten Gedankenſyſtem Nietzſche's einnehmen würde. Alle derartigen Beurteilungen ſind einem Denker wie Nietz⸗ ſche gegenüber unangebracht. Vielmehr deswegen iſt jene Lehre für das ganze Bild der Perſon und des Lebenswerkes unſeres Dichterphiloſophen ſo wichtig, weil ſie uns einen beſonders deutlichen Einblick in die innerſten Triebkräfte und die höchſte Sehnſucht ſeiner Seele geſtattet. Die Bedeutung, die demZarathuſtra überhaupt in der Ent⸗ wicklung Nietzſche's zukommt, konzentriert ſich in ſeiner Wiederkunftslehre. Liegt doch die bezaubernde Kraft dieſes Buches gerade darin, daß ſein Verfaſſer hier nach der er⸗ kältenden Nüchternheit der vorausgehenden Jahre es wieder gewagt hat, über alles Diesſeitig⸗Beſchränkte, Irdiſch⸗Faßbare in die verborgenen Tiefen der Dinge hinunter⸗ zugreifen. Freilich erſcheint eben deswegen die Ablehnung aller chriſtlichen Ewigkeitsge⸗ danken und hoffnungen um ſo auffallender. Er weiſt ſie ab mit der Begründung, daß unſer Mutmaßen über die Grenzen des Anſchaulichen, des Sichtbaren und Fühlbaren nicht hinausgehen dürfe. Wie wenig eindrucksvoll klingt uns eine ſolche Forderung von ſeiten deſſen, der ſelber die wunderbarſten Phantaſiegebilde in ſeine Zukunftswelt hin⸗ eingedichtet hat! der ſelber keinen Schatten einess Beweiſes zu liefern vermag für das, was ihm Grund und Inhalt ſeiner Zukunftshoffnung iſt! Ja er lehnt es aus⸗ drücklich ab, Gründe für ſeine Anſchauungen beizubringen. Mit der häufig an ihm zu bemerkenden Inkonſequenz ſpottet er wohl über den gläubigen Pöbel, der nichts auf Gründe gibt; er höhnt über den Glauben forderndenGott, der allwiſſend und allmäch⸗ tig iſt und der nicht einmal dafür ſorgt, daß ſeine Abſicht von ſeinen Geſchöpfen verſtanden wird. Dabei erhebt er ſich ſelber vornehm über die Pflicht des Beweiſes:Du fragſt warum? Ich gehöre nicht zu denen, welche man nach ihrem Warum fragen darf. Man möchte erwidern: ſo redet der Dichter, ſo redet Zarathuſtra! Aber wo iſt die Grenze zwiſchen Zarathuſtra und Nietzſche, die Grenze bei Nietſche ſelber zwiſchen Dichtung und Wahrheit?