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60. Je tiefer Nietzſche in ſeine Lehre vom Willen zur Macht ſich hineingräbt, deſto weniger gibt er uns auf alle dieſe Fragen Antwort. Wie wenig der Gedanke der Macht geeignet iſt zur beherrſchenden Idee eines philoſophiſchen Syſtems oder einer praktiſchen Lebensführung erhoben zu werden, zeigt der volle Widerſinn, zu dem Nietzſche ſich ſchließlich hinausgetrieben ſieht. Seine vornehmen Menſchen erſcheinen als die „blonden Beſtien“, die ſich benehmen wie Sklaven, die der Peitſche des Herrn, wie Schulbuben, die dem Stock des Lehrers eine Zeit lang entlaufen ſind. Wenn man auf ſolche Dinge hinweiſt, wird man wohl von dem, der„auf des Meiſters Worte ſchwört“, großmütig⸗belehrend darüber unterrichtet, daß Nietzſche damit ja nur Szenen aus der Vorgeſchichte der Moral, nicht etwa das Treiben ſeiner Macht⸗Aebermenſchen ſchildere. Aber es bleibt doch dabei, daß man den, der in den ‚„losgelaſſenen Raubtieren“ zugleich die letzte Folgerung der Gedanken Nietzſche's findet, von ſeinem Machtprinzip aus nicht widerlegen kann. Eine Welt, in welcher dieſer Machtwille das letzte Wort hätte, wäre „nichts als ein ewig verſchlingendes, ewig wiederkäuendes Angeheuer“. Die einzige Ret⸗ tung des Machtprinzips, die ihm wirklich einen tiefen Sinn verleiht, liegt darin, daß Gott als die höchſte Macht über die Welt, in der Welt erkannt wird. Wertvolle, wahr⸗ haft lebenfördernde und ſteigernde Macht bekommen wir dadurch, daß wir uns mit Gott, dem ewigen Geiſt, zuſammenſchließen. Jede andersartige Erhebung der Macht zum höch⸗ ſten Wertmaßſtab ſtürzt die Menſchheit zurück in dieſelbe Tiefe des Antermenſchlichen, aus der ſie durch den Gottesgedanken emporgehoben worden iſt.
61. Endlich der Gedanke der ewigen Wiederkunft! Nietzſche hat darin eine Zeit lang den Lohn alles ſeines Suchens und Mühens, das löſende Wort aller ſeiner geiſtigen Qualen und Kämpfe gefunden.„Er ſoll die Religion der freieſten, heiterſten und erhabenſten Seelen ſein— ein lieblicher Wieſengrund zwiſchen vergoldetem Eis und reinem Himmel!“ Daß dieſem Gedanken eine ſolche erlöſende und abſchließende Bedeutung auch für die ganze Menſchheit zukomme, das wird außerhalb des Kreiſes der eingeſchworenen Nietzſche⸗Verehrer niemand zuzugeſtehen vermögen. Seine Begrün⸗ dung iſt ebenſo unzureichend, wie ſein Inhalt. Jene können wir auf Grund der Dar⸗ ſtellungen in den nachgelaſſenen„Werken“, namentlich im zwölften Band, in der Kürze ſo zuſammenfaſſen: Stellt man ſich die Welt vor als die Summe einer endlich großen Zahl von Elementen irgend welcher Art im Sinn der Kombinationslehre, ſo können dieſe Ele⸗ mente, rein als algebraiſche Einheiten vorgeſtellt, auch nur eine endliche Anzahl von Ver⸗ bindungen miteinander eingehen. Setzt ſich das Spiel der Elemente lang genug fort, ſo muß irgendeinmal eine Form, die ſchon da geweſen iſt, wiederkehren. And unter der weiteren Vorausſetzung einer beſtimmten, geſetzmäßigen Aufeinanderfolge der Formen muß von da an der ganze Prozeß unendlich oft ſich wiederholen. Ebenfalls vorausgeſetzt iſt dabei die Anendlichkeit der Zeit; vorausgeſetzt iſt, was keine Wiſſenſchaft jemals be⸗ weiſen kann: die völlige Abgeſchloſſenheit jener beſtimmten Summe von Weltelementen, in die von außen her, alſo etwa von einem überweltlichen Gott, keinerlei Einfluß hin⸗ einſtrömen könne. And vorausgeſetzt iſt ſchließlich, wie ſchon angedeutet, eine rein ge⸗ dankenmäßige, nicht im Raum ſich vollziehende Verbindung der Elemente; denn ſobald wir Raumgrößen, Bewegungsgrößen mit in die Rechnung hereinnehmen, fällt die zwin⸗ gende Notwendigkeit der Wiederkehr irgend einer Komplexion der Elemente dahin.
62. And wenn ſie mit Notwendigkeit ſich ergäbe, was wäre damit gewonnen? Welchen Sinn und Wert hätte dieſe Wiederholung? Nietzſche könnte auf dieſe Frage zunächſt antworten: auf Sinn und Wert kommt es nicht an gegenüber dem, was als unausweichliche Wahrheit anerkannt werden muß. Da er aber die Notwendigkeit dieſes Gedankens in keiner Weiſe deutlich gemacht hat und deutlich machen kann, ſo muß eben doch die Frage nach dem Sinn geſtellt werden; ſo wird doch die vergleichende Aeber⸗ legung Platz greifen, welche dieſen Wiederkunftsgedanken Zarathuſtra's anderen An⸗ ſchauungen, insbeſondere der chriſtlichen Ewigkeitshoffnung gegenüberſtellt.
Nietzſche legt darum ſo großes Gewicht auf dieſen„abgründlichſten Gedanken“, weil er meint, durch denſelben werde dem Leben der Gegenwart hier auf Erden unendlich große Bedeutung zugewieſen. Jeder Gedanke iſt„ein Schwergewicht, welches neben allen anderen Gewichten auf dich drückt.——— Wenn du dir den Gedanken der Ge⸗
danken einverleibſt, ſo wird er dich verwandeln. Die Frage bei allem, was du thun
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