Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
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1, 588.

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ſeines Werdens und Wirkens mitgegeben hat: wir heißen ihn Gott. Mag Nietzſche für Arſprung, Ziel und Sinn alles Daſeins einen anderen Namen vorziehen der un⸗ heilig⸗heilige Mißbrauch des Namens Gottes, der die Geſchichte der Religionen auf Erden durchzieht, ließe uns das begreiflich erſcheinen doch davon wird er uns nie⸗ mals überzeugen, daß es ſinnvoller ſei, einen Sinn der Welt zu leugnen, als an Gott zu glauben; daß es geiſtvoller ſei, alles Fragen nach einem Sinn der Welt kritiſch zu zerſetzen, als in dieſem Fragen die höchſte Kraft des Menſchengeiſtes zu erkennen.

58. Wir ſind Nietzſche dankbar dafür, daß er ſo klar und entſchieden ſeine Ableh⸗ nung des Chriſtentums ausgeſprochen hat. Doch können wir uns die andere Tatſache nicht verbergen: die ganze poſitive Entwicklung ſeines Planes zum Neubau der Menſch⸗ heit iſt in großes Dunkel gehüllt und mit zahlreichen Widerſprüchen belaſtet.

Es iſt Nietzſche nicht gelungen ein auch nur einigermaßen lebendiges, anſchauliches Bild davon zu entwerfen, was eigentlich der Aebermenſch ſei. Bald ſind es einzelne geniale Menſchen, auf derenZüchtung er hofft, bald eine neue, hochſtehende Naſſe oder ariſtokratiſche Kaſte. Wie verhält ſich der Aebermenſch zu den höheren Menſchen, zum vornehmen, zum wohlgeratenen Menſchen? Welche Beziehungen beſtehen wieder zwiſchen dieſen Begriffen und der Idee des neuen Adels, des Herrenmenſchen, des guten Europäers, des Philoſophen der Zukunft? zwiſchen dem Aebermenſchen und Nietzſche ſelbſt? zwiſchen Nietzſche und Zarathuſtra? Das alles wogt unklar durcheinander.

59. Ganz ebenſo unſicher bleibt der Gedanke, der die ganze Arbeit der letzten Jahre Nietzſche's in ſteigendem Maß beherrſcht: der Wille zur Macht. Je größer das Gewicht iſt, das er ſelber auf dieſe Idee legt, deſto übler vermerkt man ja von ſeiten ſeiner Jünger jeden Zweifel, der ſich dagegen richtet. And doch ſteht es ſo, daß Nietzſche niemals mit grundſätzlicher Klarheit die Frage geſtellt und beantwortet hat: wer iſt denn das Subjekt dieſer Macht und wozu ſoll dieſe Macht gebraucht werden? Nietzſche hat auch früher von der Macht und dem Willen zur Macht ganz anders geurteilt. Dem Wort der viertenAnzeitgemäßen von der böſen Macht ſtehen auch aus nach⸗Schopen⸗ haueriſcher Zeit andere ähnliche Worte zur Seite. Doch das nur nebenbeil es iſt das eine der vielen Wandlungen, die Nietzſche durchgemacht hat, wegen deren ihn zu tadeln Torheit wäre. Aber nachdem er einmal dieſes Prinzip aufgeſtellt hat, wie unklar bleibt doch alles! wie wenig kommen wir doch hinaus über die Schablone, mit der alle mög⸗ lichen Erſcheinungen ganz entgegengeſetzter Art bezeichnet werden! Durch ſeine Leugnung des Weſensunterſchiedes von Leib und Geiſt, ſeine Auffaſſung des Geiſtes als einer Funktion des Leibes ſo wird man vielleicht am beſten den Durchſchnitt ſeiner zahl⸗ loſen, äußerſt verſchiedenartigen aphoriſtiſchen Aeußerungen über das anthropologiſch⸗ metaphyſiſche Problem beſtimmen hat Nietzſche ſich jeder Möglichkeit beraubt, bei der Beantwortung der vorhin geſtellten Fragen der Wirklichkeit des Daſeins gerecht zu werden. Es gibt doch nicht eben eine Macht überhaupt, ſondern es gibt Macht des Leibes oder Macht des Geiſtes; es gibt Macht des Menſchen über ſich ſelbſt oder über andere; Macht durch Selbſtüberwindung oder Macht dinch Sich ſelbſ ausleben⸗ es gibt Macht des einzelnen, des Vornehmen, oder Macht der Maſſe, der Geringen, Macht eines Individuums oder Macht einer Gemeinſchaft. Welche von allen dieſen Machtarten iſt gut? welche ſchlecht? und nach welchem Maßſtab ſoll darüber entſchieden werden? Die Sache wird nicht beſſer dadurch, daß ſtatt der acht das Ergebnis der Macht⸗ übung, die Lebensſteigerung, erſcheint. Denn ſo vielerlei und ſo einander widerſtrebende Kräfte in der Natur überhaupt, im Menſchen insbeſondere liegen, ſo vielerlei und ſo entgegengeſetzt ſind die Formen des Lebens. Nietzſche behauptet, das Chriſtentum ſchwäche das Leben und den Willen zum Leben; das Gebot der Nächſtenliebe hemme die Ent⸗ faltung der Kräfte des Menſchen. Wir fragen: welches Leben ſchwächt das Chriſten⸗ tum? welches Leben ſoll ihm gegenüber geſteigert werden? Nietzſche weiß ſo gut wie wir, daß eine Art von Leben durch das Chriſtentum mehr als durch irgend ſonſt eine Macht in der Welt gefördert worden iſt. Hat er irgendwie die Behauptung begründet, die Lebensförderung, welche Jeſus bringt, ſei in Wahrheit Lebenshemmung, die ent⸗ gegengeſetzte allein ſei wirkliche Lebensförderung? Daß er eben das bloß behauptet und immer wieder behauptet hat, allerdings mit ungewöhnlichem Aufwand von Energie, Witz, Verſtand, Kunſt und zuletzt allerdings auch von Stimmmitteln, iſt der größte Mangel

ſeines Werkes. 5