Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
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führen, der alſo eben damit den Menſchen Gott und Sünde, dieſe ſchlimmſten Trug⸗ bilder, als die höchſte und die furchtbarſte Wirklichkeit zum Bewußtſein bringt.

56. Wieder erhebt ſich hier die Frage, ob Nietzſche die Stellung, die er dem Chriſtentum gegenüber einnimmt, wirklich feſtzuhalten, ob er ſeine Leugnung des Daſeins Gottes und der Schuld, ob er die Beſtreitung ewiger Werte folgerichtig durchzuführen vermag. Wie kann er bei ſeinem bis zur äußerſten Spitze getriebenen erkenntnistheore⸗ tiſchen Skeptizismus die Behauptung aufſtellen: Gott iſt tot? wie kann er den Gottes⸗ glauben als eine endgültig abgetane Dummheit behandeln?Ich denke, wir ſind heute zum mindeſten ferne von der lächerlichen Anbeſcheidenheit, von unſrer Ecke aus zu dekre⸗ tiren, daß man nur von dieſer Ecke aus Perſpektiven haben dürfe. Die Welt iſt uns vielmehr noch einmalunendlich geworden: inſofern wir die Möglichkeit nicht abweiſen können, daß ſie unendliche Interpretationen inſichſchließt. Das ſchreibt Nietzſche! und trotzdem: Gott iſt tot? Er leugnet den freien Willen, ja er wird von der unerbittlichen Konſequenz ſeiner alle Realitäten auflöſenden Skepſis bis zur Leugnung des Willens ſelber weitergetrieben; und er preiſt dann wieder in den höchſten Tönen die Seligkeit des ſchaffenden Willens. Er leugnet ewige Wahrheit und ewigen Wert, ewige Maßſtäbe für Gut und Böſe; wohl die Hälfte ſeiner ganzen ſchrift⸗ ſtelleriſchen Arbeit, die ſein Lebenswerk in ſich ſchließt, iſt dem Nachweis der Behaup⸗ tung geweiht, daß es nichts derart gibt: denn man kann ja von allen Wahrheiten und Werten, die jemals in der Menſchheit gegolten haben, ihre Entſtehung nachweiſen! Willig hören wir Nietzſche bei dieſen Darlegungen zu und laſſen es uns von ihm aufs neue ſagen, daß, wenn es ewige Wahrheiten gibt, ſie unſerem Bewußtſein doch immer nur in zeitlichen Formen gegenwärtig, in unſere Begriffe als in zeitliche Gewänder ein⸗ gekleidet ſind und daß dieſe Formen und Gewänder deshalb immer wechſeln werden. Aber nimmermehr wird er uns dazu überreden, daß, weil wir die ewige Wahrheit immer nur unvollkommen erkennen, ſie ſelber nicht da ſei, daß es alſo auch ein Ziel, dem alles Suchen der Menſchheit nach Erkenntnis zuſtrebt, nicht gebe. Das werden wir ihm gerade ſo wenig glauben, als wenn jemand uns ſagen wollte: die Verſuche der Menſchen, das Weſen des Seienden zu ergründen, ſind ſtets vergeblich geweſen, alſo gibt es kein Seiendes. All der Scharfſinn, all der Fleiß, den Nietzſche auf jenen Nach⸗ weis verwendet hat, erſcheint wenn wir auf den letzten Zweck dieſes Anternehmens ſehen völlig fruchtlos. And würde er über die Tauſende noch andere Tauſende von Aphorismen und Beiſpielen, Analyſen und Kritiken häufen, es würde niemals etwas anderes dabei herauskommen als die Lleberzeugung davon, daß die Menſchheit unab⸗ änderlich, in immer neuen Anläufen ſich gemüht hat um die Erkenntnis der Wahrheit. And wenn wir nicht überhaupt darauf verzichten wollen, dem Daſein und alſo auch allem Nachdenken über das Daſein einen Sinn zuzuſchreiben, ſo weiſt uns gerade dieſes unaufhörlich ſich erneuernde Suchen hin auf die Wirklichkeit ewiger Wahrheiten und ewiger Werte.

57. Es iſt im tiefſten Grund wahrlich auch nicht der ſcharfe Verſtand, ſondern der trotzige Wille Nietzſche's, der ihn jenen Anſturm unternehmen läßt. Es ſoll keine ewigen Werte geben, denn wir wollen uns unſere Werte ſelber ſchaffen. Nichts ſoll uns binden, als allein das, an was wir ſelber uns binden. Das liegt auch in jenem berühmten Zarathuſtra⸗Spruch:Wenn es Götter gäbe, wie hielte ich's aus, kein Gott zu ſein! Alſo giebt es keine Götter. Mit voller Deutlichkeit ſpricht ſich Nietzſche hierüber imWillen zur Macht aus. Der ſtarke Wille ſchafft die Welt, die wert iſt da zu ſein, der ſchwache Wille verehrt ſie als eine ewig daſeiende. Wir können uns dem Eindruck einer titaniſchen Größe ſolchen Willens nicht entziehen ich rede von Nietzſche, nicht von denen, die ſich nach ihm nennen. Aber wir werden doch nicht anders auf ſeine Forderung antworten als ſo: Wohlanlſchaffet eure neuen Wertel ſtellet eure neuen Tafeln auf! aber laſſet uns doch über demSchaffen die Frage nach dem Maßſtab des Geſchaffenen nicht vergeſſen! Nietzſche ſelber iſt doch der letzte, der alles, was bei ſolchem Schaffen ſich ergibt, für gleichwertig erklären möchte. Alſo muß doch auch er ein Letztes, Höchſtes anerkennen, an dem Wert und Anwert der neuen Wertſchätzungen ſich entſcheidet. And größer als Nietzſche erſcheint uns Jeſus, der uns gezeigt hat, daß das letzte Arteil über alles Tun und Setzen der Menſchen kein anderer ſprechen wird als der, der alles, was iſt, ins Daſein gerufen und allem die Geſetze

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