Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
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E 84.

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ſchung hingeben: ſo zahlreich jene Berührungspunkte ſein mögen, es beſteht wirklich zwiſchen dem, was Nietzſche Jarathuſtra ſpricht, und dem, was Jeſus Chriſtus uns iſt und ſagt, ein fundamentaler Gegenſatz. Von hier aus wird ſogar unſer Arteil, daß Nietzſche dem Chriſtentum verſtändnislos gegenübergeſtanden ſei, ſich eine Zurecht⸗ weiſung gefallen laſſen müſſen. Von hier aus erklärt ſich auch die uns zunächſt ſo be⸗ fremdliche Tatſache, daß Nietzſche die Verwandtſchaft mancher ſeiner Ideen und For⸗ derungen mit dem Chriſtentum nicht ſieht, nicht ſehen will. Darin hat er unbedingt recht: neben dem prinzipiellen Gegenſatz verſchwinden alle dieſe Berührungen im einzel⸗ nen. Sie ſind in Wirklichkeit gar keine Berührungen, denn was auf ganz verſchiedenen Grundlagen ruht, erhält auch bei wörtlicher Llebereinſtimmung doch ganz verſchiedenen Sinn. Eine täuſchende Perſpektive läßt uns zwei Gruppen von Erſcheinungen als ſich berührend auffaſſen wie Sonne und Mond beim Beginn einer Sonnenfinſternis, die doch in Wahrheit weit auseinander liegen. Sogar da, wo die Annäherung am größten zu ſein ſcheint, wo ſich die merkwürdigſten Parallelen zwiſchen Aeußerungen Nietzſche's und Worten des Neuen Teſtaments finden, zeigt ſich bei genauerem Zuſehen die weite Kluft, die tatſächlich beide von einander trennt: ſein amor fati, der auch das Leiden, auch das Böſe bejaht, iſt doch etwas weſentlich anderes, als die Kindeszuver⸗ ſicht des Chriſten, dem alle Dinge zum Beſten dienen müſſen.

55. Ja, Nietzſche hat Jeſum doch tiefer erkannt, als es uns zunächſt erſcheinen mag, und hat eben deswegen ihn gehaßt und verworfen, weil er das von ſich weiſt, was Jeſus wirklich wollte, was das Chriſtentum in Wahrheit iſt. Warum hat er all das menſchlich Hohe und Schöne im Bild Jeſu und ſeiner Lehre ſo wenig beachtet? warum iſt er dem geheimen Zug des Herzens, der ihn zu Jeſus hätte hinweiſen können, nicht gefolgt? Weil er, beſſer ſogar als manche Chriſten, es gefühlt hat: Jeſus will nicht bloß eine edle menſchliche Perſönlichkeit ſein neben anderen; und ſein Evangelium ſoll nach ſeinem Werk und Willen nicht bloß einewertvolle Entwicklungsſtufe im Gang der Religionsgeſchichte bedeuten. Vielmehr tritt Jeſus auf mit dem Anſpruch, das Heil der Welt, der Sünderheiland für alle Menſchen zu ſein, und ſein Wort mit dem Anſpruch, die Wahrheit zu ſein. Wer Chriſtum ſo nicht haben will, der kann ihn überhaupt nicht haben; auch nicht als den edlen Menſchen, den Dugendlehrer, den religiöſen Ge⸗ nius. Hier gibt es nur ein Entweder⸗oder; er iſt entweder der Stein des Anſtoßes oder der Felsgrund des Heils. Jenes Verſtändnis Jeſu muß deswegen nicht völlig wertlos ſein. Für viele kann der Weg zu Jeſus über jene Gedanken führen. Aber wer dann wirklich dieſen Weg geht, und wer dann dem Wort und Bild Jeſu mit vollem, klarem Bewußtſein ſein inneres Leben erſchließen will, der kann dabei nicht für immer ſtehen bleiben. Zuletzt iſt es doch nicht irgendwelche Geſtaltung der irdiſchen Verhältniſſe, ſind es nicht irgendwelche ſoziale Ordnungen, irgendwelche Kulturgüter, die Jeſus der Menſchheit bringen will; ſondern für ein ewiges Gottesreich will er ſie zubereiten, ewige, göttliche, jenſeitige Kräfte will er in die diesſeitige Welt hereintragen. And er ſelber will der König dieſes Reiches ſein, d. h. an ihm, der Zugehörigkeit zu ihm oder der Verwerfung ſeiner Perſon entſcheidet ſich Zugehörigkeit zu dieſem Reich oder Aus⸗ ſchluß von demſelben. Chriſtus verkündigt eine Erlöſung der Menſchheit durch Gott und er iſt das von Gott geſandte Werkzeug dieſes göttlichen Erlöſungswerkes. Nietzſche dagegen kennt nur eine Selbſterlöſung, eine von Stufe zu Stufe fortſchreitende Selbſter⸗ höhung der Menſchheit durch die in ihr ſelbſt liegenden Kräfte. Die Menſchheit glaubte bisher an eine göttliche Weltregierung und Lenkung ihrer Geſchicke; in Wahr⸗ heit war ſie dabeiin den ſchlechteſten Händen. Nun ſoll ſie, als Herrin ihrer ſelbſt, ihr Schickſal in die eigene Hand nehmen.

Wir brauchen darüber keine AÄnterſuchung anzuſtellen, ob Nietzſche ſich ſelber dann doch wieder eine entſcheidende Bedeutung für die von ihm erhoffte künftige Menſchheit zugeſchrieben, ob er ſich zuletzt für eine Art von Meſſias gehalten hat oder nicht. Denn ohne allen Zweifel, ſo wechſelnd ſeine Aeußerungen über die eben berührte Frage ſind, zu allen Zeiten war ihm der Gedanke im Innerſten zuwider: in der Vergangenheit ſoll ein Menſch oder ein Gott auf Erden gelebt haben, von dem die ganze weitere Geſchichte beſtimmt, durch den vielmehr eine wirkliche Entwicklung ausgeſchloſſen iſt; ein Menſch, deſſen Worte ewige Wahrheit ſind, deſſen Wertſchätzungen ewige Giltigkeit haben; ein Menſch zugleich, der gekommen iſt, die Sünder ſelig zu machen und ſie zu Gott zu