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53. Das Chriſtentum zerbricht nicht, wie Nietzſche behauptet, die ſtarken Naturen, ſondern es zerbricht die Feſſeln, die auch die Kraft der Stärkſten noch niederha'ten, damit ſie in der Freiheit erſt recht zur Größe hinaufwachſen können. Nie hat, wie die ver⸗ gleichende Geſchichte aller Zeiten und Völker zeigt, eine Religion oder eine philoſophiſche Lehre ſo viel perſonbildende Kraft in die Menſchheit hereingebracht als das Chriſten⸗ tum. Wir dürfen, um ein einziges Beiſpiel anzuführen, jetzt im Calvin⸗Jubeljahr an den Genfer Reformator und an die von ihm ausgehende Bewegung der Geiſter erin⸗ nern. Wenn Nietzſche zum Beweis ſeiner entgegengeſetzten Behauptungen die Geiechen und Römer den erſten Chriſten, die Renaiſſance⸗Menſchen den Männern und Frauen der Reformationszeit gegenüberſtellt, ſo begeht er den ordinärſten Fehler, den man hier begehen kann: er faßt dort nur das Beſte, nur die wenigen hochſtehenden Menſchen eines Zeitalters ins Auge und hier nur die Entarteten, die große Maſſe derer, die den Namen des Chriſten tragen, ohne vom Geiſt Chriſti berührt zu ſein. Er ruft dort nur die höchſten Zeugniſſe idealer Darſtellung auf und nimmt ſie als Ausdruck der Wirklich⸗ keit; er reißt hier einzelne Worte aus dem Zuſammenhang heraus und ſtellt alles in das ungünſtige Licht einſeitig gehäſſiger Deutung..
Aber ſehen wir von der geſchichtlichen Wirklichkeit ab und in das Evangelium Jeſu und ſeiner erſten Jünger hinein! Wie völlig verkennt Nietzſche das Weſen des chriſtlichen Glaubens! auch damit freilich dem weitverbreiteten oberflächlichſten Arteil der Außenſtehenden folgend. Er weiß nichts davon, daß eben der Glaube die perſönlichſte Tat der Freiheit iſt. Wie völlig überſieht er alle die Züge der Botſchaft Jeſu und der Wirkung ſeines Geiſtes, wodurch jede perſönliche Kraft und Gabe, jede individuelle Tüch⸗ tigkeit und Leiſtung zur freien Regſamkeit entfaltet und ſo in den Dienſt des Ganzen geſtellt wird! Paulus gebraucht mit Vorliebe das Bild vom Leib und den Gliedern, um das Verhältnis der Jünger Jeſu untereinander und zu ihrem Meiſter zu veranſchau⸗ lichen. Was berechtigt Nietzſche dazu, dem gegenüber zu behaupten, das Chriſtentum hebe alle Anterſchiede, alle Diſtanzen auf? Chriſtus ſagt nicht, es ſolle gar keine Herren und Diener, keine Vornehmen und Geringen in ſeiner Jüngergemeinde geben; ſondern er beſtimmt nur in ſeiner Weiſe den Maßſtab deſſen, was vornehm, was gering iſt, was zum Herrn, was zum Diener macht.
And iſt es nicht eine höhere Weisheit und eine edlere Geſinnung, die auch im Geringen, Schwachen, Kranken noch das Gute, ja vielleicht die Keime künftiger Kraft und Größe ſieht, als die kalte Grauſamkeit, mit der Nietzſche ſein Programm entwickelt: „Abſterbenmachen der Kläglichen, Verbildeten, Entarteten“? Er weiß doch auch, daß die großen Menſchen immer wieder aus dem dunklen Antergrund der niederſten Schichten hervorgehen. Warum überſchüttet er dann die„kleinen Leute“ unaufhörlich mit Spott und Verachtung? Er wirft dem Chriſtentum vor, daß es immer nur die Starken anweiſe, ſich für die Schwachen zu opfern, während doch die Schwachen ſich für die Starken opfern und von ihnen zum Opfer gebracht werden ſollten, damit die Menſchheit emporſteige. Ein ſehr einfacher, ſehr einleuchtender Gedanke! Nur iſt, wie Nietzſche ſelber
11, 247. 15, 426.
uns belehrt, nicht immer simplex sigillum verſ. Wie nun, wenn es in dem Sinn und 15, 280.
Willen der die Welt lenkenden Macht beſchloſſen iſt, gerade durch das Opfer der dienenden, ſelbſtverleugnenden Liebe das Niedrige zu erheben, das Große ſelber zu ſeiner Vollendung zu bringen und ſo das Ganze zur höchſten Fülle ewiger Kraft, Schönheit und Majeſtät zu führen?
Der prinzipielle Gegenſatz zwiſchen Nietzſche Zarathuſtra und Jeſus Chriſtus und die prinzipielle Aeberlegenheit der chriſtlichen Gedanken.
54. So zwingt uns Nietzſche ſelber von allem Ausgleichen und Paralleliſieren, Zuſtimmen und NRechtgeben am Ende in die offene, klare Gegenſätzlichkeit hinein. Mögen wir noch ſo bereitwillig auf die Punkte achten, wo ſich ſeine Anſchauungen mit dem recht verſtandenen Weſen des Chriſtentums berühren, und auf das hören, was er einem entarteten, kraftlos oder einſeitig gewordenen Chriſtentum gegenüber mit Recht geltend macht: am bedeutungsvollſten iſt uns zuletzt doch das, was prinzipiell ſeinen Widerſpruch gegen Jeſus begründet. Denn er kann uns eben damit wieder deutlicher zum Bewußt⸗ ſein bringen, was der Kern des Evangeliums iſt. Darüber wollen wir uns keiner Täu⸗


