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ſpanne auf dieſer Erde einrichten. Dadurch vielmehr ſollen wir die ungeheure Bedeutung dieſes Erdenlebens als der Vorbereitung für die Ewigkeit zum Ausdruck bringen, daß wir es ungeheuer ernſt und wichtig nehmen; und das können wir gar nicht anders als ſo, daß wir es zugleich reich und ſchön machen. Die ganze Kulturentwicklung iſt nicht etwas Widergöttliches, nicht eewas dem Sinn des Chriſtentums Zuwider⸗Laufendes, ſondern etwas Gott⸗Gewolltes.„Die Welt liegt im Argen“ und„die Welt vergehet mit ihrer Luſt.“ Gewißl! aber wer nur das von der Welt zu ſagen wüßte, daß ſie böſe und vergänglich iſt, hätte doch ihren Sinn nicht richtig gedeutet. Die Jüngerſchaft Jeſu muß die Dauer und den Wert der gegenwärtigen Welt anerkennen— oder ſie muß ſich als überwundene Größe bekennen. And ſie kann jenes Zugeſtändnis ausſprechen. Der Glaube an Gottes, in Chriſtus uns offenbar gewordene Vaterliebe, an die Erlöſung der Menſchen von Sünde und Dod durch Jeſus Chriſtus, an eine künftige Vollendung, in der Chriſti Sache als die ſiegreiche, als die Sache Gottes daſtehen wird: was müß⸗ ten wir von dem allem aufgeben, wenn die Menſchheit nicht fünfzig oder zweitauſend, ſondern fünf Millionen Jahre auf das Ende wartet, ſo wie die Erde nicht viertauſend, ſondern ungemeſſene Millionen von Jahren vor Chriſtus da geweſen iſt? Das heißt hoch vom Chriſtentum denken: tauſend Entwicklungsmöglichkeiten in ihm beſchloſſen ſehen, die in den Anfängen desſelben noch nicht zu Tag getreten ſind, ja an die auch Jeſus ſelber noch nicht gedacht, die er noch nicht beabſichtigt hat. Das heißt hoch von Gott denken: in ihm den Vater und Herrn der Welt erblicken, der dieſe Welt und dieſes Leben ſo unendlich reich, ſo tief und bedeutungsvoll geſchaffen hat, daß wir noch kaum zu ahnen vermögen, was alles darin liegt und daraus noch werden ſoll. Dürfen wir nicht von Zarathuſtra lernen, ſo leben als„die Menſchen der großen Sehnſucht,— —— die nicht leben wollen, oder ſie lernen wieder hoffen?“
52. Ich müßte wohl das weitgehende Zugeſtändnis der Berechtigung von Nietz⸗ ſche's Kritik am Chriſtentum nachträglich einſchränken durch den Hinweis darauf, daß er auch auf all den genannten Gebieten den Fehler begeht, Weſen und Erſcheinung nicht oder nicht deutlich zu unterſcheiden; daß er vielleicht mit alle dem, was er der heutigen Chriſten⸗ heit zu ſagen hat, durchaus nicht allein ſteht und nichts Neues ſagt; daß er durch die Art und Weiſe, wie er im einzelnen ſeine Kritik formuliert, es uns oft recht ſchwer macht, auf ihn zu hören. Aber ich gehe auf dieſe Fragen nicht weiter ein. Vielmehr möchte ich noch einen anderen Punkt aus Nietzſche's Darſtellung hervorheben, an dem beſonders deutlich zu Tag tritt, wie gründlich er das Chriſtentum mißverſtanden hat. Das iſt die Forderung der ind’ viduellen Perſönlichkeit, die er der chriſtlichen„Her⸗ denmoral“ gegenüberſtellt.
Mit dem ganzen Angeſtüm ſeiner Leidenſchaft, der ganzen Zähigkeit ſeines Spür⸗ ſinnes, der ganzen Folgerichtigkeit ſeines Haſſes hat Nietzſche immer und immer wieder dem Chriſtentum die Anklage ins Geſicht geſchleudert, daß es mit ſeinem Gottesglau⸗ ben, ſeiner Sündenpredigt, ſeiner Gleichheitslehre, ſeiner Mitleidsmoral die Perſönlich⸗ keit des Menſchen ertöte. Nicht als ob der Chriſt nun um ſo ſtärker die Intereſſen der Gattung verträte! nein, darin zeigt ſich erſt recht deutlich die furchtbare Größe der Ent⸗ artung:„Der Chriſt denkt nicht an den Nächſten, er iſt ungeheuer mit ſich beſchäftigt.“ „Die Sünden⸗Betonung hat den egoiſtiſchen Gedanken an die perſönlichen Folgen jeder Handlung hundertfach verſchärft, und davon abgelenkt, die Folgen für andere auszudenken.“ Aber auch mit dieſem Egoismus iſt der Chriſt nicht Perſönlichkeit, nicht etwas für ſich Beſtehendes, in ſich eigenartig Wertvolles; ſondern alle einzelnen ſind doch nur Schafe in der Herde Jeſu, Sklaven unter dem tyranniſchen Willen Gottes, und darin alle ein⸗ ander gleich.„Vor Gott werden alle„Seelen“ gleich: aber das iſt gerade die gefähr⸗ lichſte aller möglichen Werthſchätzungen!——— das Chriſtenthum iſt das Gegen⸗ prinzip gegen die Selektion.“
Alle anderen Vorwürfe, die Nietzſche gegen das Chriſtentum erhebt, konzentrieren ſich in dieſem einen; aber auch alle Mängel ſeiner Auffaſſung vom Weſen des Evange⸗ liums ſind hier wie dunkle Strahlen in einem Brennpunkt zuſammengefaßt. Es iſt der ungerechteſte, ungeſchickteſte, aller Geſchichte und aller Wirklichkeit am ſchroffſten wider⸗ ſprechende Angriff; wie denn auch andererſeits nichts Geringeres als das ganze Wort und Werk Jeſu Chriſti und die ganze Kette ſeiner Wirkungen in der Welt die Wider⸗ legung dieſer Anklage iſt. Nur wenige der maßgebenden Geſichtspunkte können hier an⸗ gedeutet werden..


