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Neue, bereit zum Entſagen, freudig zum Nehmen ſollen wir Sinn, Herz und Mut offen halten für neue Gedanken, neue Aeberzeugungen, neue Lebensrichtungen.
50. Denn unmittelbar damit zuſammen hängt die wertvolle Ermutigung, die Nietz⸗ ſche der Chriſtenheit zuzurufen hat: daß ſie ſich emporführen laſſe zu der Kraft und Freudigkeit ſeiner Zukunftshoffnung. Hat je ein Chriſt mit größerem Entzücken von der ewigen Seligkeit geredet als Nietzſche von dem Glück, das er für ſeine künftige Menſch⸗ heit träumt? ja von den kleinen Anfängen, den ſtill keimenden Samenkörnern künftigen Glückes, die jetzt ſchon in der Erde liegen? Hat ein Chriſt dringender und ſröhlicher zum Suchen, Arbeiten und Kämpfen um dieſes Glück den Ruf ertönen laſſen? Hat je ein Jünger Jeſu in unſeren Tagen mit ſo ſehnſüchtiger Spannung und ſo zuverſicht⸗ licher Erwartung des Wunderbar⸗Größten in die Zukunft hinausgeblickt wie er? Wie beſchämend für unſeren Kleinmut, für unſere träge Genügſamkeit oder unſer weibiſch⸗ weichliches Klagen, für unſeren ſchwächlich⸗oberflächlichen Optimismus wie für unſeren verzagenden Peſſimismus ſteht dieſer Verkündiger einer neuen, unerhört großen Menſch⸗ heitszukunft vor uns da! And man kann wahrlich nicht ſagen, daß Nietzſche das Lei⸗ den um ſich gar nicht geſehen und nicht mitempfunden habe. Derſelbe, der das Wort 140. ſchrieb:„Das Leben iſt ein Born der Luſt“, ſchreibt auch das andere:„So tief der 230. Menſch in das Leben ſieht, ſo tief ſieht er auch in das Leiden.“ Anausgeglichen wie ſo viele ſolche Gegenſätze ſtehen die beiden Worte nebeneinander, im„Zarathuſtra“, wie ſie im Leben nebeneinander ſtehen. Die Ausgleichung liegt doch deutlich genug in der gan⸗ zen Perſon und im Lebenswerk Nietzſche's, in ſeinem amor fati: trotz alles Leidens das Leben ein Born der Luſt, weil das Leiden ſelber ein Mittel zur Erhöhung des Lebens. Haben wir nicht allen Grund ihn zu hören, wenn er uns mahnt neben dem zweiten Wort das erſte nicht zu vergeſſen? Wie ſteht die Chriſtenheit da vor der Mahnung, mit der Zarathuſtra ſeine Jünger auf die hohe See ſeiner Zukunftshoffnungen hinausſendet: „Nun ſollt ihr mir Seefahrer ſein, wackere, geduldſame!——— Das Meer ſtürmt: 311. viele wollen an euch ah wieder aufrichten——— Wohlan! Wohlauf! Ihr alten Seemanns⸗Herzen! as Vaterland! Dorthin will unſer Steuer, wo unſer Kin⸗ der⸗Land iſt! Dorthinaus, ſtürmiſcher als das Meer, ſtürmt unſre große Sehnſucht!
——— die Küſte ſchwand— nun fiel mir die letzte Kette ab— das Grenzenloſe 337. brauſt um mich, weit hinaus glänzt mir Naum und Zeit, wohlanl wohlauf! altes Herz!“
Hat nicht Chriſtus ſeinen Jüngern einſt ſolchen Sinn in die Seele gepflanzt? hat er nicht einſt ihnen von einer großen, herrlichen Zukunft geredet, die ſie mit erleben, mit erkämpfen ſollen? Aber wie wenig von ſolchem Geiſt des Eroberers lebt noch in der heutigen Chriſtenheit! Anentdeckte, unerſchöpfte Möglichkeiten ſieht Nietzſche in der Menſch⸗ 115. heit— ſollten wir nicht ſo das Evangelium und ſeine Miſſion in der Welt auffaſſen? ſollten nicht wir weite, unermeßlich große Hoffnungen im Herzen tragen, weit und groß wie das Herz, der Wille, die Weisheit, die Macht unſeres Gottes? And wenn
wir nicht ans Ziel gelangen, ſo werden andere nach uns leben, die weiter ſehen, weiter kommen als wir:„Andre Vögel werden weiter fliegen!“ And unſer Glaube„fliegt mit 4,371. ihnen um die Wette hinaus und hinauf——— und ſieht von dort aus in die Ferne,
ſieht die Schaaren viel mächtigerer Vögel, als wir ſind, voraus, die dahin ſtreben werden, wohin wir ſtrebten, und wo alles noch Meer, Meer, Meer iſt!“ Anabſehbar große, furchtbar erſchütternde Wirkungen ſieht Nietzſche ſich anknüpfen an„das größte 5,271. neuere Ereigniß— daß Gott todt iſt.“ Wohlanl! wir wollen von ihm lernen die Gren⸗
jen und die Macht unſerer Hoffnung erweitern für unſeren Glauben, daß Gott lebt!
51. Hat Gott nicht vielleicht erſt angefangen ſeine Wunderwerke unter uns und mit uns zu tun? dürfen wir nicht noch viel Größeres von ihm erwarten? und zwar nicht erſt von einem jenſeitigen Leben, ſondern ſchon für dieſes Erdenleben der Menſch⸗ heit? Wir ſollen aber doch auch unſere Zeit nicht als die Zeit der kleinen Dinge be⸗ 1,347 ff. klagen, eben weil ſie ſo Großes in ſich birgt; wir ſollen uns nicht als Epigonen fühlen, nicht meinen, die Menſchheit ſei ſchon alt geworden, eben weil wir zu ſo Hohem be⸗ rufen ſind. Kann wahre Frömmigkeit die Lehre überhören, die Gott ſelbſt durch die unwiderſprechliche Tatſache einer bald zweitauſendjährigen Geſchichte der Chriſtenheit gegeben hat? die Mahnung, die er ihr damit zuruft: Memento vivere! Wir ſollen 1,349. nicht das Irdiſche gering achten; die Menſchheit ſoll ſich nicht bloß für eine kurze Zeit⸗


