5,222.
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133.
5,225.
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Chriſten, weil keiner von uns die Wahrheit kennt und die Wahrheit ſagt? Iſt es unter Chriſten unberechtigt oder wertlos, daß Nietzſche die Forderung der Redlichkeit erhebt? Wie viel Anredlichkeit im Chriſtentum aller Parteien, aller Nichtungen! wie viel Anlauterkeit in der Schriftauslegung— ebenſo der harmoniſierenden, frommen, erbaulichen Exegeſe, die über alle Schwierigkeiten und Widerſprüche weglieſt, wie in der kulturſeligen Exegeſe der„Modernen“!
48. And wie groß, faſt unentrinnbar groß iſt für unſeren heutigen Betrieb des Chriſtentums in Kirche, Schule und Haus die Gefahr, daß wir das Höchſte in die Fläche des Alltäglichen, Selbſtverſtändlichen herunterziehen! Das Chriſtentum eine Sache für die Kinder und die Einfältigen! nun ja, es liegt wohl eine große Wahrheit darin, wenn wir ſo ſagen und dem entſprechend die Dinge ordnen und behandeln. Aber es iſt doch auch eine große Verſuchung damit bezeichnet. Wie kleinlich, wie niedrig reden oft Chriſten von ihrem Gott, dem„lieben Vater im Himmel“, und von allen Geheim⸗ niſſen ſeiner Regierung, ſeines Reiches, ſeiner ewigen Herrlichkeit! Wie wenig Ehrfurcht überall vor der heiligen Erhabenheit Gottes! wie viel läſterliche Vertraulichkeit mit ſeiner unergründlichen Tiefe! In der„Fröhlichen Wiſſenſchaft“ ſchreibt Nietzſche:„Wollt ihr die beſten Dinge und Zuſtände zuletzt um alle Ehre und Werth bringen, ſo fahrt fort, ſie in den Mund zu nehmen wie bisher! Stellt ſie an die Spitze eurer Moral und redet von Früh bis Abend von dem Glück der Tugend, von der Ruhe der Seele, von der Gerechtigkeit und der immanenten Vergeltung; ſo wie ihr es treibt, bekommen alle dieſe guten Dinge dadurch endlich eine Popularität und ein Geſchrei der Gaſſe für ſich; aber dann wird auch alles Gold daran abgegriffen ſein und mehr noch: alles Gold darin wird ſich in Blei verwandelt haben. Wahrlich, ihr verſteht euch auf die um⸗ gekehrte Kunſt der Alchymie, auf die Entwerthung des Werthvollſten!“„Iſt Sehen nicht ſelber— Abgründe ſehen“— ſo haben wir Zarathuſtra fragen hören. Wie viele Chriſten gibt es, bei denen heißt ſehen im Gegenteil alles waſſerklar und topfeben ſehen, nirgends mehr Abgründe, nirgends mehr Rätſel! Wie leicht, wie unvermerkt kommt der Lehrer, der Prediger, kommen wir alle allmählich dahin, daß uns die höchſten, goldenen Worte ewiger Weisheit und Wahrheit bloße Nechenpfennige werden, die achtlos ausgeteilt und auch in die ungeſchickten Händchen der Kinder, in die ſchmutzigen Fäuſte der Viel⸗zu⸗ Vielen gelegt werden zu gleichem Gebrauch! Wie viele, die alle Dinge immer nur von der Einen Seite aus anſehen und nicht mehr merken, daß das Ding auch eine oder zwei, drei, vier andere Seiten hat! wie viele, deren Gottesglaube„alle Rätſel ſpielend löſt“l die immer bei der Hand ſind, in jede Lücke des Wiſſens„ihren Lückenbüßer, den ſie Gott nannten“, hineinzuſchieben!
49. Wie viele andere, deren ganzes Chriſtentum ein dumpfes, lahmes Dahin⸗ leben im Gewohnten iſt! Man mag Nieszſche ſchroffer Einſeitigkeit beſchuldigen in der Verwerfung alles deſſen, was Gewohnheit, Sitte, Herkommen heißt— nicht durchaus begründet iſt dieſe Klage—: darum kann uns doch die Warnung aus ſeinem Munde wertvoll ſein, die Warnung vor Einſeitigkeiten einer Lebensrichtung und anſchauung, die nur im Beharren bei dem Hergebrachten das Heil erblickt. Nietzſche liebt„die kurzen Gewohnheiten“— auch dieſe Liebe ſelber freilich iſt eine kurze Gewohnheit—; mehr als einmal hat er, ob auch mit bitterem Schmerz, dem Glück, das er in einer Gewohn⸗ heit gefunden hatte, den Rücken gekehrt, um einer neu ihm ſich aufdrängenden Wahrheit ſich zuzuwenden. Er darf„gebundene Geiſter“ wohl aufmerkſam machen auf die Gefahr der„dauernden Gewohnheiten“ und des Feſtwerdens in beſtimmten Anſichten, Beſtre⸗ bungen, Lebungen. Chriſtus, der von ſich ſagt:„Ich bin die Wahrheit“, hat doch auch zu ſeinen Jüngern von dem Geiſt geſprochen, der ſie„in alle Wahrheit leiten“ werde. Allzuſtark hat ſich immer wieder innerhalb der Chriſtenheit die frohe Zuverſicht, im Be⸗ ſitz der Wahrheit zu ſein, dem unermüdlichen Suchen nach immer tieſerer Erkenntnis der Wahrheit in den Weg geſtellt.„Es giebt noch eine andere Welt zu entdecken— und mehr als Eine! Auf die Schiffe, ihr Philoſophen!“ Eben darin liegt einer der tiefſten Gründe der Oppoſition Nietzſche's gegen das Chriſtentum: er ſieht in der chriſtlichen Kirche ſeiner Zeit eine Summe von Formen, Anſchauungen, Gebräuchen, Lebensgewohn⸗ heiten, ohne daß etwas Perſönliches dabei zu tun, zu wagen oder zu gewinnen iſt. And es iſt vielleicht eine der beſten Weiſungen, die er uns zu geben hat: immer vor⸗ ſichtig und kühn zugleich, immer prüfend das Eigene und das Fremde, das Alte und das


