Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
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Literatur verſteht! Welch unwürdiges Spiel mit demlieben Heilandl wie wenig Kraft und Mut, wie wenig Adel und Vornehmheit in dieſem Bild! wo bleibt die königliche Majeſtät, die heldenhafte Kühnheit, die rückſichtslos ſchneidende Schärfe des wirklichen Jeſus! Daß eine Beſſerung auf dieſem Gebiet ſich angebahnt hat, ſoll nicht geleugnet werden. Aber Nietzſche jedenfalls hat von dieſer Bewegung kaum die Anfänge geſehen. And die engherzige, weltſcheue, vor jedem Hauch der Wiſſeenſchaft ängſtlich die Türen und die Fenſter verſchließende Art einflußreicher kirchlicher Gruppen iſt nicht dazu angetan, das Arteil derer umzuſtimmen, die dem Chriſtentum Hoheit und Männlichkeit abſprechen. Wer wollte beſtreiten, daß Jeſus auch der gute, ſanfte Hirte iſt, der das verlorene Schäflein ſucht! Aber er iſt nicht das allein, wir haben darin nicht den ganzen Jeſus. And wir werden Nietzſche dankbar dafür ſein, daß er uns mit der Frage be⸗ unruhigt, ob wir gerade den tüchtigſten, kraftvollſten, geiſtig und ſittlich reifſten Menſchen jenen in den ſchwächlichſten Farben gemalten Jeſus anbieten dürfen. Oder haben wir wirklich ſchon den ganzen Jeſus? wir haben den armen, beſcheidenen, demütigen, liebenden, ſich herunterneigenden haben wir auch den großen? den, der eine neue Welt bedeutet? den, der alles edelſte, höchſte Sehnen, Ahnen und Schaffen der Menſch⸗ heit umfaßt? auf den alles Beſte, Wahrſte der ganzen Menſchheit hinzielt? den, der auch die hochſtrebenden Geiſter überragt und in die Höhe führt? der jede Kraft in ſeinen und ſo in Gottes Dienſt ſtellt? Hat Nietzſche in der ihn umgebenden Chriſtenheit dieſen Jeſus geſehen und geſpürt? Die Frage wenigſtens wird uns, wird Nietzſche an uns geſtattet ſein.

47. An die tiefſte Quelle und das innerſte Weſen des chriſtlichen Glaubens rührt Nietzſche durch ſeine Forderung: Wahrheit, vielmehr Suchen nach Wahrheit um jeden Preis! Was führt uns zu Chriſtus hin und was hält uns feſt bei ihm? Wir antworten: unſer Wille; eine entſcheidende Tat unſeres Willens iſt es, die uns zu Chriſten macht. Aber warum wollen wir Chriſti Jünger ſein? warum wollen wir glauben? warum wollen wir ihn nicht laſſen? Weil er unſer Friede, unſer Leben, unſer Troſt und unſere Stärke iſt; weil wir ohne ihn unſeren inneren Halt, unſere Sicherheit, unſere Nuhe verloren hätten. Alſo nicht die Wahrheit iſt es, die wir bei ihm ſuchen und finden? oder wenn die Wahrheit uns nicht Glück, Wohlbehagen, Friede, Sicherheit gewährte, dann würden wir nicht die Wahrheit wählen, ſondern die Ruhee Chriſtus iſt unſer Leben aber müſſen wir denn leben? er iſt unſer Friede aber müſſen wir denn Frieden haben? In der Tat, wenn irgendwo, ſo liegt in der Richtung, welche dieſe Fragen andeuten, die Größe, das Necht, freilich auch die furchtbare Tragik des Lebens und der Perſon Nietzſche's. Man mag über die Ergebniſſe ſeines Denkens urteilen wie man will: aber die Tapferkeit dieſes Denkens ſelber können und müſſen wir rück⸗ haltslos bewundern. Alle Schrecken der Einſamkeit hat er auf ſich genommen, alles Glück und Behagen des Lebens, Freundſchaft, Liebe, Ehre, Gewinn hat er dran gegeben bei ſeinem Suchen nach Wahrheit. Er darf den Menſchen einen Spiegel vor Augen halten, in dem ſie die Schmach ihres bequemen Ausruhens ſehen. Iſt nicht eben dies der Grundcharakter auch ſo manches Chriſtenlebens? Er darf hinweiſen das hängt mit jenem Tiefſten ſehr nahe zuſammen auf die Gefahr der Verweichlichung in der Moral des privaten wie des öffentlichen Lebens. Sind wir nicht in der Art unſerer Armenfürſorge z. B., in dem Betrieb deſſen, was der NameInnere Miſſion um⸗ faßt, vielfach jener Gefahr ſchon erlegen? Wir wollen Nietzſche hören und verſtehen, wenn er ausruft:Gelobt ſei, was hart macht! Kann die Neligion der herben, harten Wahrheit jemals Volksreligion, Allerweltsreligion werden? kann ſie es auch nur werden wollen? And wenn das Chriſtentum, etwas, was ſich Chriſtentum heißt, die Religion der großen Maſſen iſt iſt dies wirklich nur ein Zeichen von der ſiegreichen Macht der Wahrheit, nicht vielleicht mehr ein Zeichen von falſcher Rückſicht auf der Menſchen Behagen? entſpricht es dem Sinn und Willen Chriſti und ſeines Evangeliums? müſſen wir Nietzſche nicht auch dafür wieder danken, daß er uns mit ſolchenboshaften Fragen quält?Das frägt und frägt und wird nicht müde:wie erhält ſich der Menſch, am beſten, am längſten, am angenehmſten? ALeberwindet mir, ihr höheren Menſchen, die kleinen Tugenden, die kleinen Klugheiten, das erbärmliche Behagen, dasGlück der Meiſten! Wird nicht jede Ausbreitung des Chriſtentums erkauft mit Verflachung desſelben? Sind wir nicht natürlich! Chriſten, alle

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