Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
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wird ſich über die Wurflinie eines Steins, über die Tropfen eines Waſſerfalls entrüſten? And doch bezeichnet Nietzſche Redlichkeit, Reinlichkeit, Tapferkeit als das, was ſchlecht⸗ hin ſein ſoll, Heuchelei, Feigheit, Schwäche als das, was ſchlechthin nicht ſein ſoll. Mögen es andere Dinge ſein, die er gut heißt als wir, andere die er böſe ſchilt, in Wahrheit ſteht er nicht jenſeits von Gut und Böſe. And am Ende hat er in den Aphorismen zu ſeinem großen Amwertungsbuch mit allen anderen Begriffen auch den des Determinismus aufgelöſt, nicht zu Gunſten der Freiheit, aber im Sinn der abſoluten Skepſis, die weder Notwendigleit noch Freiheit kennt.

Recht und Anrecht in Mietzſche's Kritik am Chriſtentum.

45. Auch wenn wir ſo Nietzſche⸗Zarathuſtra zu verſtehen ſuchen, werden wir doch kaum in Verſuchung kommen, den Gegenſatz zwiſchen ihm und Jeſus Chriſtus zu verwiſchen. Nietzſche ſelber hat dafür geſorgt, daß dies nicht geſchehe, auch ſchon vor dem Anti⸗ chriſt. Er hat auch imZarathuſtra und vorher das Chriſtentum in einer Weiſe geſchmäht, gehöhnt, beſchimpft, die kaum überbolen werden kann. Die Art, wie er ſeine Kritik am Chriſtentum geübt hat, wird beim unbefangenen Zuſchauer immer ſchmerzliches Be⸗ dauern und Verwundern hervorbringen. Wie waren ſolche Schmähungen möglich von ſei⸗ ten eines Mannes, der das ſchöne Wort geſchrieben hat:Wo man nicht mehr lieben kann, da ſoll man vorübergehn!?

And trotz alle dem: wir unſererſeits wollen nicht aufhören, auch von dem Feind zu lernen, wollen auch aus dem Munde des Verächters und Spötters das gelten laſſen, was in ſeinem Munde Wahrheit iſt. Nietzſche verſteht uns nicht mehr; er, der ſein ſegnendes Ja⸗ſagenin alle Abgründe tragen will, kann das Chriſtentum in ſeine Welt nicht anders einordnen denn als ein Hauptſtück in der Geſchichte der menſchlichen Verirrungen und Entartungen. So können doch wir noch immer Nietzſche verſtehen und können verſuchen, auch den Mörder Gottes in die Gedanken göttlicher Weltregierung einzugliedern, die ſo hoch über aller menſchlichen Verachtung und Gehäſſigkeit ſtehen, wie der Himmel über der Erde..

Gewiß hat Nietzſche dem Chriſtentum der Gegenwart etwas zu ſagen. Gern er⸗ kennen wir ihm, dem großenAnreger, das Verdienſt zu, daß er uns veranlaßt, ſolche Seiten in dem Bild Jeſu und ſeines Evangeliums ſtärker zu betonen, die vielleicht lang und von vielen allzuſehr vernachläſſigt waren. So fern er dem Chriſtentum ſteht, ſo ſcharf kann doch ſein Auge ſein für das, was recht, was unrecht iſt an den herge⸗ brachten Formen und Formeln der Frömmigkeit; ſo beachtenswert ſeine Aufforderung, einmal wieder alles das, worin wir von Kindheit auf unſer Leben und Denken gehabt haben, von anderem Standpunkt aus anzuſehen. Nietzſche verſteht nicht die Amwertung aller Werte, die Chriſtus grundſätzlich vollzogen hat; er merkt nicht, daß die Amwer⸗ lung, durch die er ſelber das Chriſtentum verdrängen will, die verderblichſte, ungeheuer⸗ lichſte Reaktion bedeutet, ein Zurückwerfen der ganzen Menſchheitsgeſchichte um Jahr⸗ tauſende. Aber er kann uns doch darauf aufmerkſam machen, wie wenig jene chriſtliche Amwertung in der Wirklichkeit des Lebens ſich bis jetzt durchgeſetzt hat; wie weit wir noch davon entfernt ſind, daß das Leben des einzelnen Chriſten, die Formen der menſchlichen Gemeinſchaft, das Bild der ganzen Menſchheit im Sinn des Evangeliums Jeſu Chriſti ſchon völlig umgeſtaltet wären.

46. Nietzſche hebt an dem Bild Jeſu einerſeits die Weichheit, Wärme, Wehmut, an⸗ dererſeits die Welkflucht, den düſteren Ernſt hervor. Er kennt ihn nur als den guten, mitleidigen Hirten oder den ſchwermütigenPrediger des Todes. Wir werden uns dem Zugeſtändnis nicht entziehen können, daß die chriſtliche Kirche nicht ohne Schuld an einer ſolchen einſeitigen Auffaſſung iſt. Allzulang hat ſie oder, ſagen wir billiger Weiſe, haben weitverbreitete Richtungen innerhalb der Kirche ſolche Vorſtellungen von Jeſus mit liebevollen Händen gepflegt, aus denen Nietzſche nun ſeine Angriffswaffen gegen die Kirche ſich ſchmieden konnte. Der Anverſtand und der Haß hat bei der Zubereitung dieſer Waffen mitgeholſen, aber uns bleibt nicht die ungetrübte Freudigkeit des guten Gewiſſens, das ſich decken dürfte mit dem Wort.:Sie haſſen mich ohne Lrſache. Welch ein fades, ſüßliches Bild von Jeſus hat uns bis vor kurzem die große Maſſe deſſen gegeben, was man unter chriſtlicher Kunſt,chriſtlicher Poeſie,chriſtlicher

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