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heilig deine höchſte Hoffnung!“ Höher ſchlägt uns das Herz und freudiger leuchtet uns das Auge, wenn wir Zarathuſtra's Jubelhymnus hören:„Oh Himmel über mir, du Reiner! Tiefer! Du Lichtabgrund! Dich ſchauend ſchaudere ich vor göttlichen Begier⸗ den. In deine Höhe mich zu werfen— das iſt meine Diefel In deine Reinheit mich zu bergen— das iſt meine Anſchuld!“ Wir ſtimmen mit ihm ein in ſeinen Lobpreis des Sonnenaufgangs und der Morgenfrühe, der kalten, herben Strenge des Winters und des friſchen, reinen Waſſers und alles deſſen, was kalt und herb, friſch und rein iſt in der Welt der Stoffe und der Welt der Geiſter. Frau Förſter⸗Nietzſche erwähnt folgenden Ausſpruch ihres Bruders aus der Zeit ſeiner Freundſchaft mit einem jungen Mann von der„höchſten und feinſten Moral“:„Weißt Du, eigentlich kann ich nur mit ſolchen Menſchen moraliſche Probleme beſprechen; bei den anderen leſe ich ſo leicht in den Mienen, daß ſie mich vollſtändig mißverſtehen und nur das Thier in ihnen ſich freut, eine Feſſel abwerfen zu dürfen.“ Er hat jederzeit ſolche tieriſche, unreine, lüſterne Menſchen mit den ſchärfſten Worten von ſich abgewieſen.
44. So vieles in Nietzſche⸗Zarathuſtra uns verwandt!— und auch darin ſogar können wir ihn zum mindeſten verſtehen, wenn er, wie wir wiſſen, das Böſe nicht als das gelten laſſen will, was ſchlechthin nicht ſein ſoll. Es mag ja als ein Wagnis erſcheinen, mit wenigen Worten ein Problem zu berühren, das zu den dunkelſten gehört, die dem menſchlichen Nachdenken überhaupt vorliegen. And doch ſind die Grundgedanken, die für die chriſtliche Auffaſſung mit zwingender Notwendigkeit einander gegenübertreten— nicht als Löſung des Problems, ſondern eben als Konſtatierung desſelben— klar und einfach. Gott, der allmächtige und heilige,„hat die Welt gemacht und alles, was darin iſt“. And doch iſt in dieſer Welt auch das Böſe, das, was nicht ſein ſoll. Das iſt die unlösbare Antinomie des chriſtlichen Glaubens, die aufs engſte zuſammenhängt mit dem Problem der Willensfreiheit: wie kann freier Wille der Kreatur zuſammenbe⸗ ſtehen mit der göttlichen Allwirkſamkeit? wie iſt Freiheit möglich, da doch Gott es iſt, der in uns ‚„wirket beide, das Wollen und das Vollbringen“? Das ſind Gedanken, die uns verbieten, die Art, wie Nietzſche das Problem des Böſen behandelt, rundweg abzulehnen. Er erklärt auch das Böſe für notwendig zur Entfaltung aller der Keime, die im Menſchen angelegt ſind. Nur im Kampf mit dem Böſen ringt ſich das Gute empor, darum muß auch das Böſe alle ſeine Möglichkeiten erſchöpfen. An dem immer mächtiger in die Höhe wachſenden Feind übt und ſtählt ſich die eigene Kraft. Dem Lebermenſchen muß zuletzt auch ein Aeberböſes, ein„Aeber⸗Drache“ entgegentreten. „Es muß ja Aergernis kommen“ ſpricht Chriſtus; und„laſſet beides miteinander wachſen bis zu der Ernte“. Alſo auch hier der Gedanke: das Böſe notwendig zur Entfaltung des Guten, Wahren, Schönen, zu dem die Welt angelegt iſt! Aber kann, was not⸗ wendig iſt, das ſein, was ſchlechthin nicht ſein ſoll? Die Ausflucht, die ſpricht:„Gott läßt das Böſe nur zu, er ſchafft es nicht“— führt zu nichts. Warum läßt Gott das Böſe zu? warum ſchafft er die Welt ſo, daß Böſes auch darin ſein kann? Immer kommen wir wieder darauf zurück: das Gute iſt nicht möglich ohne die Möglichkeit des Böſen. Volle Möglichkeit aber iſt Wirklichkeit, iſt Notwendigkeit; denn bleibt das Mög⸗ liche bloß möglich, ſo war es eben nicht möglich, ſondern unmöglich. Iſt alſo vielleicht das Böſe gar nicht böſe? gibt es ein„Jenſeits von Gut und Böſe“? gibt es eine Ewigkeit, von der aus einmal auch das Böſe, als miteingeſchloſſen in Gotles Willen, nicht mehr als böſe erſcheint? Liegen denn nicht in jedem Nachſinnen, das in die Tiefe geht, Elemente, die zu ſolchen gefährlichen Gedanken führen? Richtlinien, die dorthin weiſen? Wollen wir dieſen Gedanken nicht nachgeben, ſo können wir uns ihnen doch nur dadurch entziehen, daß wir das Problem ungelöſt in ſeinem„abgründlichen“ Dunkel ſtehen laſſen.
Auch Nietzſche mußte es ſtehen laſſen. Deutlich tritt uns gerade bei ihm die Än⸗ möglichkeit entgegen, vom Gedanken des Böſen als deſſen, was durchaus nicht ſein ſoll, loszukommen. Als theoretiſcher Menſch leugnet er mit großer Beharrlichkeit und Heftig⸗ keit Freiheit und Schuld, Gut und Böſe, Pflicht und Sünde. Als praktiſcher Menſch fährt er fort, wie wir anderen zu tadeln, zu ſtrafen, zu zürnen, ſich zu entrüſten. Der Menſch iſt wie ein Stein: was kann„ein Stück Granit dafür, daß es Granit iſt“? Er hat ſo wenig Freiheit, wie ein Waſſerfall, der„in den zahlloſen Biegungen Schlänge⸗ lungen Brechungen der Wellen Freiheit des Willens und Belieben“ vortäuſcht. Aber wer
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B 2, 499.
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