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zugeſpitzt, um zum Widerſpruch zu reizen? in geheimnisvolles Dunkel gehüllt, um zwi⸗ ſchen den Zeilen leſen zu laſſen? Noch bis in das„Ecce homo“ hinein begleitet uns dieſe Schwierigkeit; er redet von ſich ſelbſt„mit aller Schläue und Heiterkeit“ und vielleicht unmittelbar daneben will er mit heiligem Ernſt aufgefaßt ſein; wo das eine? wo das andere? Das eine Mal ſpricht er mit der Miene des Geſetzgebers, ſeine „Hand auf Jahrtauſende zu drücken, wie auf Wachs“, das andere Mal tritt er vor uns hin mit der Miene des lachenden und tanzenden Spötters, der alle Schwere von ſich geworfen hat— und gar zu oft iſt es unmöglich, eine ſichere Grenzlinie zwiſchen der einen und der anderen Stimmung zu ziehen.
72. Eines aber— damit kehre ich zu dem engeren Kreis meiner Gedanken über Nietzſche zurück— eines iſt, wie wir wiſſen, immer klar geweſen: ſeine Feindſchaft gegen das Chriſtentum. And nehmen wir alles nur in allem, üben wir gegen ihn die Gerechtig⸗ keit, die er ſelber dem Chriſtentum gegenüber ſo wenig geübt hat, ihn nach dem zu be⸗ urteilen, was ſein Beſtes iſt: er iſt doch ein Feind von der Art, wie er ihn ſich ſelber gewünſcht hat, ein Feind, auf den man ſtolz ſein kann. Es war ſeine Art, das Chriſtentum zu ehren, daß er es heftiger als alles andere bekämpft hat. So ehren wir ihn wieder, indem wir ſeiner Feindſchaft gegen das Evangelium das Zeugnis geben, daß ſie ſtandhaft und entſchloſſen war bis zum Aeußerſten.„Auch meine Feinde ge⸗ hören zu meiner Seligkeit.“ Sie zwingen mich, auf mein Beſtes mich zu beſinnen, in mein Tiefſtes hinunterzuſteigen. And in dem Beſten, was er hat, geſtehen wir ihm auch eine Größe zu, die wir kaum mit einem geringeren Namen bezeichnen können als mit dem des Prophetiſchen; in ſeinen höchſten Momenten iſt ein verzücktes Schauen in das ferne Kinderland, in ſeligen Augenblicken auch jene kindlich⸗harmloſe Anmittelbar⸗ keit des Daſeins, die er ſo manchesmal als das reinſte Glück bezeichnet hat, das einem Menſchen beſchieden ſein kann.
73. Wenn ich ſelber einen feſten inneren Beſitz habe, kann ich ruhig auch am Gegner das Gute anerkennen und ſein Beſtes mir zu eigen machen. Nehmen kann er mir nur, was in mir ſelber unſicherer Beſitz oder bloß ſcheinbares Gut war. So ſoll er eben mich dazu anleiten, daß ich meinen Beſitz feſter begründe. Auch ſein Schelten und Höhnen kann mir die innere Gewißheit und Freudigkeit des mir geſchenkten Gutes nicht rauben. Ohne Haß und Groll kann der Chriſt Nietzſche in die alles überbietende Macht ſeines Ja⸗ und Amen⸗Sagens aufnehmen. Es iſt mir geradezu ein Merk⸗ zeichen der wundervollen Kraft und Wahrheit deſſen, was Chriſtus uns gebracht hat, daß der Chriſt auch eine Erſcheinung wie Nietzſſche, den Gottesmörder, den Antichriſt, geiſtig zu überwinden, ja ſich anzueignen, durch Aneignung zu überwinden vermag. Anſer Chriſtenglaube wäre nicht von der rechten Art, wenn er ihn nicht ertragen könnte. Mehr als das: ich muß es bekennen, daß ich einen Zug des ewigen Gottesgeiſtes in ihm wahrnehme, entſtellt, wie es bei uns Menſchen iſt, durch das, was ungöttlich in ihm war, und doch nicht ganz ertötet. Es mag als Frevel, als Widerſinn erſcheinen, auf Nietzſche das Wort von der anima naturaliter christiana anzuwenden; aber ich müßte den tiefſten Eindruck, den ich von ihm bekommen habe, verleugnen, wenn ich anders von ihm reden wollte. Er hat ſich gegen Gott gewehrt wie gegen den grimmigſten Feind, weil er meinte, in Gott— der einzigen Quelle alles Lebens, aller Perſönlich⸗ keit, aller Freiheitt— müſſe das eigene Leben, die heißgeliebte Freiheit untergehen. Wir wiſſen, daß dies ein blinder, unglückſeliger Wahn iſt. Aber jenes ſehnſüchtige Verlangen, heraus aus der Zerriſſenheit in die Einheit, aus dem Schein in das Weſen, aus der Anzulänglichkeit in die Vollkommenheit— in manchen Worten, oft kaum hör⸗ bar, wie der leiſe, bange Ruf eines Kindes: ich kann es nicht anders deuten denn als das Dürſten einer Menſchenſeele nach dem lebendigen Gott. Kann das immer, in Ewig⸗ keit unerhört bleiben? Wer ſieht hinein in die allem Erkennen verſchloſſenen Abgründe L Menſchenſeele? wer in die unfaßbaren Himmelshöhen göttlicher Kraft, Weisheit und
iebe?


