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Chriſtentums gegenüber, wenn er die Forderung des Mutes, der Tapferkeit, der Ent⸗ ſchiedenheit erhebt und ſein Verwerfungsurteil gegen alle Genußſucht und Bequemlich⸗ keitsliebe ausſpricht.„Der Muth ſchlägt auch den Schwindel todt an Abgründen— —— Muth, der angreift: der ſchlägt noch den Tod todt“— alſo ſprach Zarathuſtra; und Chriſtus ſagt:„Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht mögen töten.“ Gefährlich leben— das iſt die Loſung der Menſchen, die eine neue Zeit heraufführen:„Baut eure Städte an den Veſuv! Schickt eure Schiffe in uner⸗ forſchte Meere! Lebt im Kriege mit Euresgleichen und mit euch ſelber!“— ſo ſchreibt Nietzſche; und Chriſtus ſpricht zu ſeinen Jüngern:„Der Knecht iſt nicht größer als ſein Herr. Haben ſie mich verfolgt, ſie werden euch auch verfolgen; haben ſie mein Wort gehalten, ſo werden ſie eures auch halten.“ Die Art der kleinen Tugend iſt es, alles halb zu tun und mancher von den„Halb⸗und⸗Halben“„blickt vorwärts und blickt dabei zurück——— es iſt viel Lügnerei bei den kleinen Leuten“, und Jeſus warnt die Seinen:„Wer ſeine Hand an den Pflug leget und ſiehet zurück, der iſt nicht geſchickt zum Reich Gottes.“„Alſo iſt es die Art edler Seelen: ſie wollen nichts um⸗ ſonſt haben, am wenigſten das Leben“— ſo lautet ein Spruch Zarathuſtra's; nie hat ein Lehrer der Menſchheit gründlicher allem genußſüchtigen Weſen den Krieg er⸗ klärt als Jeſus, der geſprochen hat:„Wer ſein Leben erhalten will, der wird's verlieren.“
40. Nietzſche⸗Zarathuſtra liebt, wie wir geſehen haben, nicht den lauten Lärm des Marktes:„Abſeits vom Markte und Ruhme begiebt ſich alles Große; abſeits vom Markte und Ruhme wohnten von je die Erfinder neuer Werte.“„Die ſtillſten Worte ſind es, welche den Sturm bringen.“ Man ſollte denken, daß Nietzſche mit dankbarer Verehrung, mit Gefühlen zuſtimmender Liebe hinübergeblickt hätte zu der einſamen Größe Jeſu, zu dem Bild des gewaltigen Kampfes, den er in der Stille geführt hat. „Er wird nicht zanken noch ſchreien, und man wird ſein Geſchrei nicht hören auf den Gaſſen“; das war der Eindruck, den die Seinigen von ihm und ſeinem Werk be⸗ kamen. Einſam iſt er ſeinen Weg gegangen, die Einſamkeit des Nicht⸗verſtanden⸗werdens, dieſes tragiſche Los des Großen, hat er erfahren wie nur je ein Menſch. Welch furchtbare Gefahr, welch drückende Laſt, welch bitter ſchmerzliches Weh liegt in dieſem Geſchick des Einſamen! Willſt du allein recht haben gegen alle anderen? willſt du allein heraustreten aus der frommen Gemeinſchaft, in der dein Vater, deine Mutter, dein Volk die Jahre und Jahrhunderte ihres Lebens hindurch ihre Heimat gehabt haben? willſt du allein die Wahrheit beſitzen, und ſoll das, was die anderen anbeten, Täuſchung und Lüge ſein?— Nietzſche hat das bange Glück der Einſamkeit geprieſen, ihre herbe Süßigkeit durchgekoſtet; aber keine Klage tönt auch ſo oft, ſo ergreifend aus ſeinen Werken und Briefen uns entgegen, als die Klage des Einſamen, Anverſtandenen.„An⸗ gerechtigkeit und Schmutz werfen ſie nach dem Einſamen; aber, mein Bruder, wenn du ein Stern ſein willſt, ſo mußt du ihnen deshalb nicht weniger leuchten!“ And doch: kaum der leiſeſte Hauch der Zuneigung geht von ihm hinüber zu dem großen Einſamen Jeſus von Nazareth, kaum ein Wort des Verſtändniſſes für ihn, die reinſte Ver⸗ körperung der ſtillen Größe!
41. Ans erfüllt die wärmſte Teilnahme, wenn Nietzſche uns das Bild ſeines Helden Zarathuſtra vor Augen malt, das ideale Bild ſeines eigenen Ringens. Ein Wandern und Bergſteigen iſt ſein Leben geweſen, ſoweit er zurückdenken kann.„Ich liebe die Ebenen nicht und es ſcheint, ich kann nicht lange ſtill ſitzen. And was mir nun auch noch als Schickſal und Erlebnis komme,— ein Wandern wird darin ſein und ein Berg⸗ ſteigen.“ Wir ſehen ihm in milfühlender innerer Zuſtimmung nach, wie er ſich an⸗ ſchickt zu ſeinem härteſten Weg, ſeiner einſamſten Wanderung auf ſeinen letzten Gipfel,
„im Steigen—— mit harten Sprüchlein ſein Herz tröſtend“. Wir begleiten ihn auf ſeinem Gang—„ein Pfad, der trotzig durch Geröll ſtieg, ein boshafter, einſamer, dem nicht Kraut, nicht Strauch mehr zuſprach: ein Bergpfad knirſchte unter dem Trotz meines Fußes——— Aufwärts:— dem Geiſt zum Trotz, der ihn abwärts zog,
abgrundwärts zog, dem Geiſte der Schwere, meinem Teufel und Erzfeinde.“ Nietzſche will nichts davon merken, daß er damit das Bild Jeſu ſelber zeichnet und das Bild aller derer, die, durch alle Jahrhunderte hindurch, ihm in ſeinen Fußtapfen auf dem Weg der einſamen Heldengröße, der kühnen Entſchloſſenheit, der mutigen Tatkraft nach⸗ gefolgt ſind.— Er weiß ſich als den Erſtling einer neuen Zeit, einer neuen Lebens⸗
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