Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
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die Religion derkleinen Leute iſt; Nietzſche dagegen fordert und verkündet, wie wir geſehen haben, eine Gemeinſchaft von Geiſtesmenſchen, einen neuen Adel,der allem

öbel und allem Gewalt⸗Herriſchen Widerſacher iſt und auf neue Tafeln neu das

ort ſchreibt: edel; einen Adel, der nicht aus der Vergangenheit ſeine Kraft und Bedeutung entlehnt, ſondern aus der Zukunft, nicht aus dem Zurückſchauen auf die Taten und Verdienſte der Väter, ſondern aus der Mitarbeit an der künftigen Größe und Schönheit des Menſchengeſchlechts.Eurer Kinder Land ſollt ihr lieben: dieſe Liebe ſei euer neuer Adel. Nun wohll eben im Sinn dieſer Hoffnungen und Wünſche heißen wir das Chriſtentum eine durch und durch adelige Religion, eine Religion der Ausleſe der Beſten, tüchtigſten, kraftvollſten Perſonen; die eine heilige Anzufriedenheit und Angenügſamkeit in die Herzen pflanzt; die den Menſchen zur Herrſchaft führt, zuerſt zur Herrſchaft über ſich ſelbſt und dann zur Herrſchaft über die Erde.Selig ſind die Sanftmütigen; denn ſie werden das Erdreich beſitzen: das hat Chriſtus ge⸗ ſprochen, und die Geſchichte der Menſchheit ſeit Chriſtus iſt die Geſchichte der Ver⸗ wirklichung dieſes Wortes. Die innere Freiheit, das erſte Merkmal und Erfordernis des neuen Geiſteslebens, hat Jeſus uns gebracht. Die Entwicklung des einzelnen Menſchen wie der ganzen Menſchheit wird da, wo Chriſti Geiſt lebt, von demDu ſollſt weiterführen zu demIch will. Wo hätten wir ein höheres Vorbild dieſer Freiheit als in Jeſus und in dem Menſchheitsideal, das er uns vor Augen geſtellt und ins Herz geſchrieben hat? in Jeſus, der von ſich ſagen konnte:Meine Speiſe meine Freude, mein Leben, mein Kindesrecht, mein Kinderſpieliſt die, daß ich tue den Willen des, der mich geſandt hat? in Jeſus, der den Geiſt Gottes uns verheißt, daß wir nun nicht mehr gedrungen und gezwungen von außen, ſondern getrieben von der Kraft, die in uns wohnt, vorwärts kommen? und unſere Seele wird dem Segel gleich, das übers Meer geht,geründet und gebläht und zitternd vor dem Angeſtüm des Windes. Auch Zarathuſtra weiß doch, daß nur durch eine innere Amwandlung dieſe Adelsſreiheit und Kindesfröhlichkeit des neuen Lebens erreicht wird!Thut immerhin, was ihr wollt, aber ſeid erſt ſolche, die wollen könnenl! Eben ſolche Menſchen macht Jeſus aus uns, die wollen können. Denn nicht bloß ein hohes Ziel, ein fernes Ideal ſtellt er uns vor Augen, ſondern er gibt uns die Kraft, die zum Ziel hinführt. And mit dem Ziel gibt er uns die Gewißheit, daß es erreicht werden kann. Denn das Ziel des Chriſten iſt kein anderes als das Ziel der Welt, der Sinn alles Daſeins, und die Kraft, die ihm verliehen iſt, keine andere als die Kraft deſſen, der die Welt geſchaffen hat und regiert.

38. Wahrlich, ich wüßte nicht, worin der neue Adel Nietzſche's vornehmer wäre als die Menſchen Jeſu Chriſti. And ich wüßte nicht, wo in aller Welt jemals mit ſolcher Gewißheit und ſolcher Freudigkeit wie im Evangelium der königliche Gedanke ausge⸗ ſprochen worden wäre, daß alles, was uns begegnet, auch das Leiden, uns dienen ſoll und muß; daß jeder Zufall, der uns trifft, daß ſogar alle Vergangenheit, die uns drückt, umgewandelt werden ſoll in ein Gut, in einen Wert für uns. Deramor fati dieſerPeſſimismus der Stärke, iſt ein Zug im Weſen und in der Weltan⸗ ſchauung Nietzſche's, der uns mächtig anzieht; überaus wohltuend berührt es uns, daß er ſo tiefes Verſtändnis zeigt für die Bedeutung des Leidens, für den Segen des Schmerzes, für das Geſetz: hinabſteigen muß, wer in die Höhe will.Vor meinem höchſten Berge ſtehe ich und vor meiner längſten Wanderung: darum muß ich erſt tiefer hinab, als ich jemals ſtieg. Woher kommen die höchſten Berge? ſo fragte ich einſt. Da lernte ich, daß ſie aus dem Meere kommen. Dies Zeugniß iſt in ihr Geſtein geſchrieben und in die Wände ihrer Gipfel. Aus dem Tiefſten muß das Höchſte zu ſeiner Höhe kommen. Wenn in Einem Leben und Lehre Nietzſche's übereinſtimmen, ſo in dieſer Wertung des Leidens als eines mächtigen, wenn nicht des mächtigſten Mittels zur Erhöhung des inneren Lebens. Mit freudiger Bewunderung geben wir ihm den Ruhm, daß er ſein eigenes Leben heldenhaft durchgekämpft hat. Aber wie konnte er dann die Tatſache ſo völlig überſehen, daß gerade das Chriſtentum dieſen amor kati in der Welt mit größerer Kraft und Zuverſicht vertreten hat als irgend eine Raeione ein philoſophiſches Syſtem, eine praktiſche Lebensweisheit vor ihm oder neben ihm

39. Ganz ebenſo ſteht unſerem Verſtehen Nietzſche's ſein eigenes Änverſtändnis des