Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
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35. And das trotz der zahlreichen Berührungspunkte! trotz der oft überraſchenden inne⸗ ren Verwandtſchaft! So gleich in der erſten Scene desZarathuſtra: dreißig Jahr alt geht Zarathuſtra in die Einſamkeit des Gebirges und dann nach langen Jahren innerer Sammlung tritt er eines Morgens aus ſeiner Höhle und ſpricht zu der auf⸗ gehenden Sonne:Du großes Geſtirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht die hätteſt, welchen du leuchteſt! nun möchte auch er verſchenken und austeilen von ſeinem Reich⸗ tumwie die Biene, die des Honigs zu viel geſammelt hat. Wer das Bild Jeſu kennt, wird ſeiner dabei gedenken: wie er, dreißig Jahr alt, ſeine Heimat verläßt und zu ſeinem Volke geht mit der frohen Botſchaft vom Reich Gottes, ſtrahlend wie die Sonne voll Glanz und Wärme, ſelig im Bewußtſein der Aeberfülle, die er, ſelber reich ge⸗ worden in Gott, dem Arbild der ſchenkenden Tugend, nun allen Menſchen ſchenken möchte; das Licht der Welt, das Brot des Lebens, der Brunnen lebendigen Waſſers, der immer ſprudelt und immer gibt und für alle, auch dann noch, wenn niemand aus ihm ſchöpfen will, der ſtrömt auch dann noch, wenn niemand ſeines Waſſers trinken will.

36. Gegen dieſen Jeſus erhebt Nietzſche den Vorwurf, daß er erfüllt ſei von demGeiſt der Schwere! Wie wenig Verſtändnis für Jeſus, wie wenig guter Wille zum Verſtehen ſpricht aus ſolchem Tadel! Dann hätte alſo Paulus Jeſum nicht recht gekannt, wenn er, der Gefangene, den Chriſten, die mitten drin ſtehen, im Kampf gegen Sünde, Tod und Teufel, zuruft:Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermal ſage ich: Freuet euch!? Die Mütter hätten ihre Kinder zu dem ſchwermütigenPredi⸗ ger des Todes gebracht? und mit Anrecht hätten die Menſchen, wenn ſie zu Jeſus gehen wollten, geſprochen: Kommt, laßt uns zu der Freundlichkeit gehen? Jeſus hätte nichts davon gewußt, was Nietzſche wie willig ſtimmen wir ihm zu! uns ſagt, daß Freude die reichſte Quelle alles Guten iſt? Wegen des Wortes:Weh euch, die ihr hie lachet! klagt er Jeſum der größten Sünde an und weiſt ihn, denAnbedingten, als Menſchen von ſchlechtem Geſchmack, zum Pöbel! Wie unbeſonnen erſcheint uns dieſe Anklagel wie wenig zeugt ſie von der Vornehmheit der Geſinnung, die Nietzſche ſelber ſo hochſchätzt! wie lächerlich muß es jedem, der Jeſus wirklich kennt, erſcheinen, wenn Nietzſche Jeſum wegen jenes Wortes meint über die rechte Art der Liebe belehren zu müſſen! Weiß er nichts von den Seligpreiſungen, denen das Evangelium ſeine Weherufe gegenüberſtellt? Preiſt Nietzſche ſelber etwa ohne jeden Anterſchied alle die ſelig, diehier lachen? Er weiß doch auch von Trauer und Tränen, die erſt umge⸗ wandelt werden ſollen in das Lachen der ſeligen Freude: warum hat er ſich nicht die Mühe gegeben zu unterſuchen, ob nicht Jeſus die Seinigen aus dem bhen durchs Weinen hindurchführen will zu einer anderen Freude, einem anderen Lachen und Tanzen und Fliegen? Liegt doch auch für Nietzſche bei aller Diesſeitigkeit ſeines Denkens das Ziel in einer weit entlegenen Zukunft! Wie ſcharfe Worte hat er gegen die Reichen, diehie lachen, Worte des Ekelsvor den Sträflingen des Reichthums And Jeſus ſelber? Man hat die Vermutung ausgeſprochen, daß manch köſtliches Wort voll herzerquickender Fröhlichkeit über ſeine Lippen gekommen ſei, aber ſein martervolles Ende und die überirdiſche Herrlichkeit des Auferſtandenen habe alles der Art vergeſſen laſſen. Das Ende ſeines Lebens kann uns in dieſer Frage nicht unmittelbar den Sinn ſeiner Worte deuten. Er ſelber hat immer tiefer in den furchtbarſten geiſtigen und leiblichen Kampf hinunterſteigen müſſen; er hat durch das finſtere Tal der Trübſal hin⸗ durchgehen müſſen. Eben durch dieſen Kampf hat er allen den Seinigen Recht und Frei⸗ heit erwerben wollen zur Freude und die Kraft, daß ſie auch mitten im Kampf dennoch fröhlich ſeien als Kinder des himmliſchen Vaters. Wenn das oft vergeſſen worden iſt, ſo iſt es nicht ſeine Schuld. Ja es glänzt doch auch auf ſeinem eigenen Antlitz noch in den dunklen Schatten des Todes die Freude. Dieſe Freude dringt mit ſeinen Abſchiedsworten noch ſeinen Jüngern in die Seele:Solches rede ich zu euch, auf daß meine Freude in euch bleibe, und eure Freude vollkommen werde. And ſeinem Vater legt er's im hohenprieſterlichen Gebet ans Herz:Nun aber komme ich zu dir und rede ſolches in der Welt, auf daß ſie in ihnen haben meine Freude vollkom⸗ men. So haben ſeine Jünger ihn gekannt und ihn verſtanden, den angeblichen Prediger des Todes und des Geiſtes der Schwere.

37. Das Chriſtentum ſoll eine Religion der Sklaven und des Pöbels ſein, weil es

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