Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
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2, 222. 2, 354.

B 2, 529. 310.

5, 337.

1, 208. 1, 368.

4, 88. 2, 129. 3, 51.

8, 265.

4, 59.

7, 89.

15, 370 f.

304.

19

Hoheit der Perſon und des Lebens Jeſu und der urſprünglichen Kraft und Lauterkeit der erſten Chriſtengemeinde ſich nicht entziehen lönnen. Ich möchte gerade die Worte Nietzſche's, die von dieſem Eindruck Zeugnis geben, ſtark betonen, nicht zum wenigſten um ihm ſelber gegenüber alle Gerechtigkeit zu erfüllen.

34. Ich erinnere noch einmal an das oben(Abſchnitt 25) erwähnte Wort über die tüchtigen Menſchen, welche von Herzen Chriſten ſind, und an den Ausſpruch(Ab⸗ ſchnitt 23) über den ſchwermütigen Sinn Jeſu, der doch bei längerem Leben noch auf die rechte Bahn hätte kommen können. Weiterhin will Nietzſche Chriſtusdas wärmſte Herz gern zugeſtehen, freilich nur um ſofort die Wärme dieſes Herzens als förderlich zur Verdummung der Menſchheit zu bezeichnen. Er heißt Chriſtusden edelſten Menſchen und ſchildert ſeinen Aebermenſchen alsrömiſchen Cäſar mit Chriſti Seele. Jeſus ſtand einſt wie Zarathuſtra im Kampf gegen dieGuten und Gerechten, die Phariſäer, die ihn darum kreuzigten.

Anſere Vorfahren waren Menſchenvon rückſichtsloſer Rechtſchaffenheit die ihrem Glauben willig Gut und Blut, Stand und Vaterland zum Opfer gebracht haben. Die erſten Chriſten waren erfüllt von dem Geiſt der Verneinung, der Askeſe aber es war ein furchtbarer Ernſt in ihnen. Die reinſten und wahrhaftigſten An⸗ hänger des Chriſtentums waren nicht auf äußeren Maſſenerfolg bedacht. Nachdem das Chriſtentum zur Herrſchaft gelangt war, iſt es ein ganz anderes geworden als es ur⸗ ſprünglich war. And wir ſtehen jetztam Sterbebette des Chriſtenthums.Sobald eine Religion herrſcht, hat ſie alle die zu ihren Gegnern, welche ihre erſten Jünger geweſen wären. Was dieChriſtenthümler von heute in ſich tragen, iſt nur noch ein ſchaler Reſt von dem Geiſt der erſten Chriſten. Später freilich, imAntichriſt, erfahren wir, daß es echte Chriſten überhaupt nie gab:Im Grunde gab es nur Einen Chriſten, und der ſtarb am Kreuz, und imWillen zur Macht wird ſehr eingehend der Nach⸗ weis verſucht, daß Jeſu Lehre rein praktiſch⸗weltflüchtig geweſen, ſofort aber in der erſten Generation der Chriſtenheit, beſonders durch Paulus, das Dogma eingeführt worden ſei und die Verweltlichung begonnen habe. Aber verworfen werden ſchließlich doch beide mit gleicher Entſchiedenheit, Chriſtus und das Chriſtentum.

Für gewiſſe Zeiten und eine gewiſſe Art von Menſchen will Nietzſche allerdings dem Chriſtentum nicht jede Berechtigung abſprechen. Eshat die Menſchen von der Laſt der moraliſchen Anforderungen befreien wollen, dadurch, daß es einen kürzeren Weg zur Vollkommenheit zu zeigen meinte Es war ein Irrthum, aber doch ein großes Labſal für Llebermüde und Verzweifelnde in der Wüſte. Ja inJenſeits von Gut und Böſe erklärt Nietzſche, wir haben den Chriſten mit ihrer erbarmenden, rettenden Liebe zu allem Schwachen, Kranken, Verzweifelnden, Anſchätzbares zu danken ſofern wir nämlich für einen Augenblick das höhere Ziel aus den Augen laſſen und die rechten Maßſtäbe bei Seite ſetzen; denn das mitleidige Chriſtentum hat doch die Entartung der Menſchheit verſchuldet. Sogar der ihm ſonſt ſo verhaßten Sündenpredigt des Chriſtentums weiß Nietzſche eine gute Seite abzugewin⸗ nen: es bringt mit ſeiner Abſicht, überall die Sünde aufzuſpüreneinen Fortſchritt in der pſychologiſchen Verſchärfung des Blickes. Auch kommt dem Evangelium das freilich rein paſſive Verdienſt zu, durch ſein Ideal der Schwäche, der Gleichheit, der Niedrigkeit die breite Grundlage geſchaffen zu haben, über der die großen Ausnahme⸗Menſchen ſich erheben können. Gerade im Kampf mit den Inſtinkten der Entartung erwächſt das kraftvolle Geſchlecht der Herrennaturen. 3

Solche einzelne Worte des tieferen Verſtändniſſes und einer freilich oft recht wenig ehrenvollen Anerkennung ſind alſo nicht einmal ſo ſehr ſelten. Aber wie wenig beherrſchen ſie doch die Stimmung und das Arteill Zarathuſtra ſpricht eines Tages von den Schmarotzern, dem eklen, kriechenden Gewürm:Wer aber höchſter Art iſt, der er⸗ nährt die meiſten Schmarotzer. Wie wenig macht er Anwendung von dieſem Gedanken auf Chriſtus und ſeine Sachel wie wenig veranlaßt ihn dieſe Beobachtung zu ſorg⸗ fältiger Anterſuchung über das wahre Weſen Jeſu, über den urſprünglichen Sinn ſeiner Lehre! Nicht den Schluß zieht er aus jenen Aeußerungen: hier echtes, urſprüngliches dort falſches, entartetes Chriſtentum! laſſet uns vom falſchen zum echten zurückkehren! Das kann er nicht, denn auch das echte Evangelium iſt ihm eine Macht des Verderbens, und ſo iſt Haß, Geringſchätzung, Verwerfung der Grundton in dem, was er darüber zu ſagen hat...