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Stunde Jarathuſtra's miterleben, wo das Zeichen ſich erfüllt, wo der Taubenſchwarm kommt und der lachende Löwe— die Zeit, wo ſeine Kinder nahe ſind und die Stunde des großen Mittags ſchlägt. Aber auch das iſt ja erſt die Mitte des ganzen Laufes der Menſchheit. And neben ſolchen Bildern, in denen das Künftige ſchon als gegenwärtig erſcheint, verkündet er immer wieder, daß ſein Werk auf die Jahrhunderte angelegt iſt, daß es geduldige, unermüdliche Arbeit fordert, die ſich durch Mißerfolg nicht irre 421. machen läßt.„Ich und mein Schickſal— wir reden nicht zum Heute, wir reden auch 347. nicht zum Niemals: wir haben zum Reden ſchon Geduld und Zeit und Aeberzeit.“ Nietzſche iſt darauf gefaßt, daß Jahrzehnte dahinſinken, bis nur einigen wenigen die B 2, 474. Augen für ſeine Ideen aufgehen. Aber freilich ſein„Zarathuſtra“ iſt auch ein„Buch E 9. mit einer Stimme über Jahrtauſende hinweg“.
And wenn nun einſt das Ziel erreicht und der Aebermenſch ans Licht des Daſeins getreten iſt: was wird dann ſein? Dann hat das Leben ſeinen Amkreis vollendet, der Ring hat ſich geſchloſſen und kehrt in ſich ſelbſt zurück. Dann wird der ganze Kreis⸗ lauf von vorn wieder beginnen, gerade ſo, wie er ein Mal und unzählig viel Mal ſchon geweſen iſt. Zarathuſtra iſt„der Lehrer der ewigen Wiederkunft“. Nicht widerwillig 321. fügt er ſich in die Notwendigkeit dieſer Idee, ſondern freiwillig ſagt er Ja auch zu dieſem ſeinem„abgründlichſten Gedanken“. So wertvoll, ſo inhaltsreich erſcheint ihm das Leben, 315. daß, wenn es vollendet iſt, er ſprechen kann:„War das das Leben? Wohlan! Noch 230. Ein Mal!“ Mit allen ſeinen Freuden wie mit ſeinen Leiden, die ja zum Ganzen ebenſo notwendig ſind wie die Freuden, wird es wiederkehren und ſoll es wiederkehren! Hat der Weiſe einmal gelernt„das ungeheure unbegrenzte Ja⸗ und Amen⸗ſagen“ zu allem, 241. was das Leben bringt, ſo will er dieſes Leben auch immer wieder leben. Das iſt Zara⸗ thuſtra's Ewigkeit, die er liebt, wie ein Mann ſein Weib liebt von ganzem Herzen, von 331. ganzer Seele, von allen Kräften. So iſt Zarathuſtra„der Fürſprecher des Lebens, der 315. Fürſprecher des Leidens, der Fürſprecher des Kreiſes“.
Berührungspunkte zwiſchen Nietzſche-Zarathuſtra und dem Chriſtentum.
33. Wer von Nietzſche's Stellung zum Chriſtentum nichts anderes weiß, als daß er ein heftiger Gegner desſelben iſt, der wird beim erſtmaligen näheren Kennenlernen ſeiner Schriften erſtaunt ſein, in denſelben eine große Zahl von Gedanken zu finden, die mit chriſtlichen Ideen ſehr nahe verwandt ſind. Man könnte mit leichter Mühe eine lange Liſte von Parallelſtellen zu Bibelworten aus Nietzſche's Werken zuſammenbringen. Es wird dann aber noch viel mehr auffallen, daß Nietzſche ſelber offenbar von einer ſolchen Berührung mit dem Evangelium nichts weiß und nichts wiſſen will, daß er gefliſſentlich in allen Punkten ſeiner Lehre immer nur den Gegenſatz zum Evangelium hervorhebt. Das iſt freilich nur möglich durch die ärgſte Vergewaltigung der geſchicht⸗ lichen Wirklichkeit. Man braucht durchaus nicht mit perſönlicher Leberzeugung der Gemeinde Jeſu Chriſti anzugehören, man braucht nur mit größerer Ruhe und Objek⸗ tivität, als Nietzſche dies getan, das Weſen des Chriſtentums zu beurteilen, um zu merlen, daß ſeine Angriffe gegen das Evangelium ihr Ziel gar nicht treffen. Er unter⸗ ſcheidet nicht— jedenfalls nicht deutlich, nicht durchgehends— zwiſchen dem Weſen des Chriſtentums und ſeinen Erſcheinungen in der Geſchichte, zwiſchen echtem Chriſten⸗ tum und bloßem Namenchriſtentum, oder wie wir dieſen Anterſchied bezeichnen wollen. Nietzſche kennt ſelber ſehr gut die Pflicht, die eben jene Anterſcheidung gebietet. Er ſagt in„Menſchliches, Allzumenſchliches“:„Ein jeder hat ſeinen guten Tag, wo er ſein 2, 400. höheres Selbſt findet; und die wahre Humanität verlangt, jemanden nur nach dieſem Zuſtande und nicht nach den Werktagen der Anfreiheit und Knechtung zu ſchätzen.“ Jede große geſchichtliche Erſcheinung kann eine ſinngemäße Anwendung dieſes Grundſatzes für ſich in Anſpruch nehmen. Dieſer Forderung hat aber Nietzſche in ſeiner Beurteilung des Chriſtentums nicht genügt. Er bedient ſich— mit welchem Maß von bewußter Abſichtlichkeit dies geſchieht, laſſe ich dahingeſtellt— desſelben Kunſtgriffs wie die meiſten Gegner des Chriſtentums: er faßt alles das zuſammen, was jemals chriſtlich war und was nur unter dem Schutz des Namens Chriſti mitgelaufen iſt, und ver⸗ wirft alles miteinander. Ausnahmen, Spuren einer beſſeren Erkenntnis oder eines beſſeren Willens fehlen nicht. Ganz hat doch auch Nietzſche dem Eindruck der reinen


