290.
153.
417.
346.
175.
184.
249.
73 ff.
217. 74.
193.
166. 217. 248.
286.
472 ff.
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30. Am Ende ſind ja die Jerſtörenden eben doch die Schaffenden und Schenkenden. Die höchſte Glückſeligkeit liegt in dieſer ſchenkenden Tugend. Wer in ſich ſelber reich und voll und ſatt geworden iſt vom unerſättlichen Nehmen und Einſammeln— der Herrſchſüchtige! der Selbſtſüchtige!— der kann ja nicht anders als wieder verſchenken und austeilen, wie die Sonne nicht anders kann als Licht und Wärme ſpenden und mit ihrem Aeberfluß alle Dinge vergolden.„Der Sonne lernte ich das ab, wenn ſie hinabgeht, die Aeberreiche: Gold ſchüttet ſie da ins Meer aus unerſchöpflichem Reich⸗ thume,— alſo daß der ärmſte Fiſcher noch mit goldenem Ruder rudert!“ Freilich einigt das Leben, wie ſo oft, auch hier die größten Gegenſätze durch ein unauflösliches Band: glückſelig iſt die ſchenkende Tugend, und doch hat auch ſie ihr eigenes Leid. Doch ſehnt ſich der Schaffende, der Schenkende, der Leuchtende darnach, auch wieder einmal unter den Nehmenden, den Beſchenkten, den Lichtempfängern ſein zu dürfen. „Licht bin ich: ach, daß ich Nacht wäre!“ ſo klagt Zarathuſtra in dem wunderſamen „Nachtlied“.„Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht—— Das iſt meine Armut, daß meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das iſt mein Neid, daß ich wartende Augen ſehe und die erhellten Nächte der Sehnſucht. Oh Anſeligkeit aller Schen⸗ kenden! Oh Verfinſterung meiner Sonne! Oh Begierde nach Begehren! Oh Heiß⸗ hunger in der Sättigung!“
31. Dieſes ſchmerzliche Glück des Schaffenden, des Wollenden ſtellt Zarathuſtra ent⸗ gegen dem erbärmlichen Behagen des Pöbels, der, wo er zur Herrſchaft kommt, alles in ſeine Niedrigkeit herunterzieht, eine Herde von Schafen, die dem Hirten nachläuft. Fluch der Gleichmachereil Fluch dem Herdengeiſt, der Herdenfaulheit!„Ihr höheren Menſchen,— ſo blinzelt der Pöbel— es giebt keine höheren Menſchen, wir ſind Alle gleich, Menſch iſt Menſch, vor Gott— ſind wir Alle gleich!“ Dieſer Pöbelweisheit ge⸗ genüber ſtellt Zarathuſtra die Forderung auf:„Werde, der du biſt!“ Lebe dein eigenes Leben! gehe deinen eigenen Wegl habe deinen eigenen Geſchmackl hege und pflege das in dir, was dein eigenes geiſtiges Weſen iſt, deine Tugend, deine Kraft, deine Leiden⸗ ſchaft! Dieſelbe Forderung erhebt er gegenüber der Jämmerlichkeit der modernen Bil⸗ dung, die dürftig und lächerlich aus hunderterlei entlehnten Fetzen zuſammengeflickt, mit zehnerlei buntſcheckigen Farben übermalt iſt.„Wer von euch Schleier und Aeberwürfe und Farben und Gebärden abzöge: gerade genug würde er übrig behalten, um die Vögel damit zu erſchrecken.“ Ebenſo verhaßt iſt ihm die öde, tote Gelehrſamkeit— ſchon der Nietzſche der„Anzeitgemäßen Betrachtungen“ hat ja in ihr den Feind des Lebens und der Wahrheit geſehen— die nur fremde Ideen in ihrem Mühlwerk zerreibt oder aus dünnen Gedankenfäden lange„Strümpfe des Geiſtes“ wirkt; und die tugendhafte Mittel⸗ mäßigkeit, die nicht ſegnen und nicht fluchen will, nicht Ja und nicht Nein ſagen, die mit Schmunzeln ſpricht:„Wir ſetzten unſern Stuhl in die Mitte—— und ebenſo weit weg von ſterbenden Fechtern wie von vergnügten Säuen.“
Darum flieht Zarathuſtra auch immer wieder aus dem Lärm des Marktes, wo die läſtigen Fliegen ſtechen, in die Einſamkeit und Stille ſeiner Berge. Dort drunten wollen alle immer nur reden, keiner will hören. In ſolche Ohren kann ja die Wahr⸗ heit nicht Eingang finden, die„mit Taubenfüßen“ kommt und„nur in feine Ohren ſchlüpft“. Große Ereigniſſe kommen nicht mit Lärm, ſondern in der Stille.„Ich verlernte den Glauben an„große Ereigniſſe“, ſobald viel Gebrüll und Rauch um ſie herum iſt.“ In der Stille wachſen die großen Menſchen heran, die dazu berufen ſind, Herrſcher zu ſein über die Maſſe. Denn nicht gleich ſind alle, ſondern Befehlende gibt es von Natur und Gehorchende; und befehlen iſt ſchwerer als gehorchen, ſchwerer auch als vollführen. Könige ſollen befehlen können; wehe dem Fürſten, der nichts anderes iſt als der erſte Diener! Auch Zarathuſtra ſelbſt will keine blinden Nachfolger, nicht Leichname, ſon⸗ dern Schüler, die ſelber prüfen, die ſich auch gegen den Lehrer ſtellen, die ihren eigenen Weg ſuchen.„Das— iſt nun mein Weg,— wo iſt der eure? ſo antwortete ich denen⸗ welche mich„nach dem Wege“ fragten. Den Weg nämlich— den giebt es nicht!“
32. Nicht für eine nahe bevorſtehende Zukunft erwartet Zarathuſtra den Aebermenſchen. Wohl hat er ja in den rauhen Bergen, den Wäldern und Schluchten bei ſeiner Höhle ſchon eine kleine Schar von„höheren Menſchen“ gefunden; aber ſie ſind noch nicht der Aebermenſch. Wohl läßt uns Nietzſche in prophetiſchem Gemälde die ſelige
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