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wahren Geiſteslebens als der, der immer nur geſchont ſein will von den anderen und ſie wieder möglichſt ſchont.„Der Krieg und der Muth haben mehr große Dinge gethan 67. als die Nächſtenliebe.“ In dieſem Sinn fordert Nietzſche nicht Nächſtenliebe, ſondern „Fernſten⸗Liebe“, eine Liebe, die ferne, hohe Ziele ins Auge faßt.
28. And in demſelben Sinn will er auch alles, was bisher die Menſchen böſe genannt haben, zur Erhöhung der Menſchheit dienſtbar machen, vor allem die drei böſeſten,„beſt⸗ 275. verfluchten Dinge“: Wolluſt, Herrſchſucht, Selbſtſucht. Wolluſt: die Brücke vom Jetzt zum Dereinſt,„für die freien Herzen unſchuldig und frei, das Garten⸗Glück der Erde, 276. aller Zukunft Dankes-Leberſchwang an das Jetzt“; der freie, ſeiner ſelbſt bewußte und mächtige Wille, der Mann und Weib zuſammenführt als die Schöpfer des zukünfti⸗ gen Geſchlechtes,„der Wille zu Zweien, das Eine zu ſchaffen, das mehr iſt, als die 103. es ſchufen“.„Heilig heißt mir ſolch ein Wille und ſolche Ehe“, da Mann und Weib den 104. Zweck der Ehe erkannt haben,„nicht nur fort euch zu pflanzen, ſondern hinauf“.— 308. Herrſchſucht: der Zwang, mit dem das Hohe ſich zum Niederen zwingt, um es zum 276 ff. Werkzeug der eigenen hohen Gedanken zu machen; der rückſichtsloſe Wille des Jer⸗ ſtörers,„das Erdbeben, das alles Morſche und Höhlichte bricht und aufbricht;“ der Wille, der die Macht an ſich reißt, doch nur um neues Leben zu ſchaffen aus der eigenen Fülle.— Selbſtſucht: die„auch das Höchſte noch— hinaufwachſen“ heißt, das Gegenteil alles ſchwächlichen Sich⸗fügens und ſchmiegens, der Feind aller Knechtesart, alles geknickten, kriechenden Daſeins, aller Afterweisheit, aller Prieſternarrheit; aber auch das Gegenteil alles krankhaft⸗gierigen, neidiſch⸗hungrigen Weſens: heilig heiße ich die Selbſtſucht, die alles haben will, um alles ſchenken zu können. In dem Sinn, 110. wie Zarathuſtra von dieſen drei böſeſten Dingen redet, iſt das Böſe des Menſchen beſte Kraft und das Böſeſte nötig zu des Alebermenſchen Beſtem. Auch das Böſe muß erſt zu ſeiner ganzen Mannigfaltigkeit und Höhe geſteigert werden, wenn das Gute in ſeiner Kraft und Schönheit kommen ſoll. Beſſer eine große„böſe“ Tat, als kleine„gute“ Ge⸗ danken. Aeberall nicht Schwächung ſondern Stärkung führt zur Vollendung. Gewiß muß das Gegebene, in dieſem Sinn das Natürliche, überwunden werden—„der Menſch iſt etwas, das überwunden werden muß“— aber nicht durch Hemmung und ehonbun nicht durch Askeſe und Ertötung, fondern durch Lebensſteigerung und ⸗Erhöhung.
29. So ſoll ein neuer Adel des Geiſtes entſtehen, eine neue Vereinigung von„wohl⸗ E 17. geratenen“ Menſchen, anders als der alte Adel der Geburt oder des Neichtums, anders auch als die„Guten und Gerechten“.„Das Beſte ſoll herrſchen, das Beſte will 306. auch herrſchen.“ Verächtlich aber iſt die heutige„gute“ Geſellſchaft mit ihrer äußer⸗ lich angeklebten„Bildung“, verächtlich der Pöbel, der arme Pöbel mit ſeinem Neid und Haß ebenſo wie der reiche Pöbel mit ſeiner Lüſternheit und inneren Hohlheit; verächtlich ſo vieles, was heute als groß gilt und was doch nur aufgedunſene Blaſen ſind: ‚zuletzt platzt ein Froſch, der ſich zu lange aufblies: da fährt der Wind heraus.“ 374.
So unabſehbar groß die Aufgabe ſein, ſo hoch das Ziel liegen mag: doch hier auf Erden ſoll das Herrliche erreicht werden.„Bleibt der Erde treu!“ ruft Jarathuſtra ſeinen Jüngern zu; ſucht nicht eine jenſeitige Welt, eine„Hinterwelt“l Redlichkeit, dieſe jüngſte Tugend, fehlt am meiſten den Hinterweltlern, den Erdichtern jenſeitiger Welten und eines jenſeitigen Gottes. Sie eben iſt die grundlegende Tugend derer, die an der Schöpfung des Aebermenſchen mitarbeiten wollen. Vor dieſem redlich forſchenden, redlich erkennenden Geiſt können die alten Werte auf den alten Tafeln nicht mehr be⸗ ſtehen; es müſſen neue Werte auf neue Tafeln geſchrieben werden. Denn es gibt nicht ein für alle Zeiten, alle Völker, alle Individuen identiſches Gut und Böſe.„Alles iſt 293. im Fluß“: dieſen Heraklitiſchen Spruch ſtellt Nietzſche entgegen der müden, ſtarren Weis⸗ heit, der„Winter⸗Lehre“:„Im Grund ſteht alles ſtill“. And wenn bei der Schaffung des 294. Neuen vieles ausgelöſcht und zerbrochen werden muß, was bisher den Menſchen lieb und wert war, ſo darf doch die Rückſicht auf das Wohlbehagen der Menſchen das vorbereitende Zerſtörungswerk nicht hindern. Kein Mitleiden darf den, der berufen iſt zu arbeiten am Bau des neuen Lebens, dazu beſtimmen, daß er halte, was nicht zu halten iſt. Nein,„was fällt, das ſoll man auch noch ſtoßen“. And wenn er ſelber ſich 305. losreißen muß von dem, was auch ihm einſt das Liebſte war—:„was liegt daran! 476. Trachte ich denn nach meinem Glücke? Ich trachte nach meinem Werkel!“
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