Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
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ſeine Jünger dieſen Geiſt der Schwere gelernt und geerbt. Kann eine Lehre die Wahr⸗ heit ſein, die ſo wenig Kraft hat, die Menſchen fröhlich und ſtark zu machen? Nein, dieſe Chriſten werden uns nicht überreden!Beſſere Lieder müßten ſie mir ſingen, daß ich an ihren Erlöſer glauben lerne: erlöſter müßten mir ſeine Jünger ausſehen!Ihr aber ſo hat Nietzſche ſchon inMenſchliches, Allzumenſchliches geſchriebenihr aber, wenn euer Glaube euch ſelig macht, ſo gebt euch auch als ſelig! Eure Geſichter ſind immer eurem Glauben ſchädlicher geweſen als unſere Gründe!

24. And an dieſe Lehre, an dieſen Geiſt ſollen wir feſtgebunden ſein für alle Zeiten! Ewige Werte will das Chriſtentum aufrichten!Der Weg, die Wahrheit, das Leben will Chriſtus ſein und wehren will er allen denen, die neue Werte auf neue Tafeln ſchreiben! als Brecher und Verbrecher werden gebrandmarkt die Schaffenden, welche die alten Tafeln zerbrechen! An Gott und ſeinen Willen ſollen wir gekettet ſein, an denEinen und Vollen und Anbewegten und Satten und Anvergänglichen! Aber Gott iſt ja nur eine quälende Mutmaßung, einDichter⸗Erſchleichnis Gott iſt ja tot! unwiederbringlich tot! Wie ein Jubelruf der Befreiung klingt dieſes Wort immer wieder ausZarathuſtra uns entgegen. Gott iſt tot, es lebe der ALlebermenſch! Gott iſt tot nun iſt die Bahn frei gemacht für die neue Menſchheit, für das mutige, fröhliche Ringen des aus der Knechtſchaft und dem Aberglauben erlöſten Willens nach den höch⸗ ſten Gipfeln! Nun liegt die Welt offen da für den Blick des Menſchen, in unermeß⸗ lichen Weiten. In lichte, ſelige Höhen geht ſein Hoffen und Ahnen, ſein Wirken und Schaffen hinauf.Einſt ſagte man Gott, wenn man auf ferne Meere blickte; nun aber lehrte ich euch ſagen: Llebermenſch. Nun kommen die Götter wieder auf die Erde, aus den Menſchen ſelber erwachſen ſie, unddas eben iſt Göttlichkeit, daß es Götter, aber keinen Gott giebt!

Das Evangelium des Zarathuſtra.

25. Mit welchen Gedanken und Empfindungen hört der Chriſt die Verkündigung dieſes neuen Evangeliums der Gott⸗loſigkeit? Nietzſche hat einmal(in derMorgenröte) geſchrieben:Dieſe ernſten, tüchtigen, rechtlichen, tief empfindenden Menſchen, welche jetzt noch von Herzen Chriſten ſind: ſie ſind es ſich ſchuldig, einmal auf längere Zeit verſuchsweiſe ohne Chriſtentum zu leben, ſie ſind es ihrem Glauben ſchuldig, einmal auf dieſe Art einen Aufenthaltin der Wüſte zu nehmen, nur damit ſie ſich das Recht erwerben, in der Frage, ob das Chriſtentum nötig ſei, mitzureden. Nun mag ja wohl die Erfüllung dieſer Forderung unmöglich ſein; denn ſie will nichts anderes, als daß der Menſch, dervon Herzen Chriſt iſt, die Perſon nicht mehr ſei, die er doch eben iſt. Aber immerhin: wir können es doch vielleicht fertig bringen eine Zeit lang wegzuſehen von der Oberflächlichkeit des Bildes, das Nietzſche vom Chriſtentum ſich zurecht phantaſiert und vor die Welt hingeſtellt hat; wegzuſehen über die Trivalität des Spottes, mit dem er es überſchüttet, über die Pöbelhaftigkeit einem Geſunden gegenüber könnten wirs nicht anders heißen! ſeiner Traveſtierung der den Chriſten heiligſten Chriſtusworte, wie ſie ſich beſonders im viertenZarathuſtra findet. And dann allerdings werden wir nicht ohne ein Gefühl freudiger Zuſtimmung manche Züge in dem Bild des neuen Baues anſchauen, den Nietzſche auf der, wie er meint, leergebrannten Stätte des alten chriſtlichen Tempels errichtet.

26.Der Menſch iſt etwas, das überwunden werden muß. Der jetzt lebende Menſch, auch in den höchſten Vertretern der Gattung, iſt nicht das Ziel der Entwicklung, ſondern nur eine Brücke, ein Aebergang zu höheren Formen. Das Ziel iſt der Aebermenſch. Anbegrenzte Möglichkeiten trägt der Menſch, trägt dieſe Erde noch in ſich. Mag noch ſo viel mißraten ſein, einigekleine gute vollkommne Dinge ſind doch auch jetzt

ſchon um uns her zu ſchauen. And in unermüdlichen Kämpfen wagt der Menſch

immer neue Verſuche, ſteigt er auf immer neuen Wegen zu immer neuen, freieren, lichteren Höhen empor. Ein mächtiger Sturm der Begeiſterung, der Sehnſucht, der Hoff⸗ nung weht durch denZarathuſtra. In hinreißend ſchönen Worten voll inniger Wärme und leuchtender Freudigkeit ſpricht Nietzſche von ſeinem Ziel und von der Wanderung nach dem Ziel.Vertrieben bin ich aus Vater⸗ und Mutterländern. So liebe ich allein noch meiner Kinder Land, das unentdeckte, im fernſten Meere: nach ihm

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