311.
135.
107.
427.
— 13—
tötet die Perſönlichkeit, es hemmt die Entfaltung der Individualität, es bekämpft die Stufenunterſchiede unter den Menſchen, es iſt die Religion der Gleichmacherei und da⸗ mit— Nietzſche's Wörtervorrat iſt kaum irgendwo ſo reich, als wenn er von dieſer Seite her das Chriſtentum angreift— die Religion des Verfalls, der Pöbelherrſchaft, der Decadance, die Tſchandalareligion, die Degenerierten⸗Idioſynkraſie, der Prieſter⸗ aberwitz, die Religion der Nache und des Reſſentiment, der Sklavenaufſtand gegen alles, was über die Durchſchnittslinie emporragt.
21. Noch deutlicher tritt uns die Niedrigkeit und Verderblichkeit der Lehre Chriſti darin entgegen, daß ſie der Nächſtenliebe den Charakter des Mitleids gibt. Das Mitleid iſt ſchamlos: es drängt ſich an den Nebenmenſchen heran und zieht ſein verborgenes Leid ans Licht. And es iſt heuchleriſch: unter dem Schein eines dem Nächſten er⸗ wieſenen Dienſtes iſt es ein Ausfluß des natürlichen Willens zur Macht. Wer mit⸗ leidig ſich der Not des Nächſten annimmt, zeigt damit, daß er, der Helfende, mächtiger iſt als der Hilfsbedürftige; das Gefühl dieſer Macht will er eben genießen und über dieſe ſeine Macht, in der Stille wenigſtens, triumphieren. Die mitleidige Chriſtenliebe iſt aber auch darum das Gegenteil der wahren, großen Liebe, weil ſie den Nebenmen⸗ ſchen verweichlicht, ſtatt ihn ſtark zu machen. Sie erſpart ihm den Kampf, der doch dazu dienen müßte, ſeine Kraft zu ſtählen:„Ich lobe das Land nicht, wo Butter und Honig
.— fließt!“ Nietzſche kann ſich nicht genug tun in der bald vornehm lächelnden, bald
giftig ſpottenden Schmähung der„Guten und Gerechten“, der Geiſtig⸗Armen, der Halb⸗ und⸗Halben, der Viel⸗zu⸗Vielen mit ihrem knechtiſch⸗genügſamen Dulderſinn, mit ihrem ängſtlichen Beſtreben nur immer das Beſtehende zu erhalten, das Fallende zu ſchützen, alles Neue aber abzuwehren. Jedem ſchöpferiſchen Willen ſtemmen ſie ſich entgegen mit der Macht der unergründlichen Dummheit. Darum ‚zerbrecht, zerbrecht mir die Guten und Gerechten!“
22. Nun gehören aber dieſe Chriſten überdies zu der weit verbreiteten Sippe der „Hinterweltler“. Lleber der Erde, der einzigen Wirklichkeit, bauen ſie ſich eine neue, er⸗ träumte Welt auf. Dieſer Gedanke an das Himmelreich, der Blick auf zukünftigen Lohn und zukünftige Strafe verfälſcht im Chriſtentum jede Sittlichkeit. Auch Jeſu Liebe zu den Menſchen war nicht rein, nicht hoch und ſtark. Auch er liebte um Lohn; er liebte, wo er geliebt wurde, und fluchte, wo man ihm die Liebe verweigerte. Seine Jünger wollen bezahlt ſein für ihre Tugend und zürnen dem, der lehrt:„es giebt keinen Lehr⸗ und Zahlmeiſter“. An die Stelle der ruhigen, unverdroſſenen Arbeit zur Heraus⸗ Dealtun) des Aebermenſchen ſetzt das Chriſtentum ſeine ungeduldigen Jenſeitshoffnungen.
icht überwinden will es den Menſchen, ſondern überſpringen: kommt der Tod, kommt die Ewigkeit, ſo iſt das Alte vergangen und mit einem Mal alles neu geworden. Dort im Jenſeits ſucht der Chriſt ſeine Seligkeit, dieſes Erdenleben aber iſt ihm verdüſtert durch den Druck des Sündenwahns, die Laſt des böſen Gewiſſens.
Ebenſo verwerflich wie dieſe Flucht von der Erde in den Himmel iſt die Gering⸗ ſchätzung des Leibes zu Gunſten eines angeblich vom Leib unabhängigen Geiſtes. Das Chriſtentum meint den Menſchen dadurch zum Ziel der Vollendung zu führen, daß es alle natürlichen Triebe unterdrücken lehrt. Im Zuſammenhang damit hat es alle In⸗ tereſſen der Leibespflege, Klima, Kleidung, Ernährung, Fürſorge für Luft, Licht, Sonne, Bekämpfung und Heilung von Krankheiten gering geſchätzt. Nietzſche ſelber— das mag gleich hier bemerkt werden— betont alle dieſe Dinge aufs ſtärkſte, oft freilich in einer Weiſe, die allzudeutlich die eigene langjährige Kränklichkeit und ihre phyſiſchen und pſychiſchen Folgen bekundet..
23. Dem Chriſtentum gegenüber erhebt er wegen ſeiner hinterweltleriſchen Erden⸗ und Leibesflucht den Vorwurf, daß es erfüllt ſei vom Geiſt der Schwere, des düſteren Ernſtes, der trübſeligen Müdigkeit. Chriſtus ſelber ſchon hat unter dieſem Geiſt gelitten. Er ſtarb zu früh; vielleicht hätte er ſonſt„leben gelernt und die Erde lieben gelernt — und das Lachen dazu!“„Noch kannte er nur Thränen und die Schwermuth des Hebräers, ſammt dem Haſſe der Guten und Gerechten— der Hebräer Jeſus: da über⸗ fiel ihn die Sehnſucht zum Tode.“ Das war ſeine ſchwerſte Sünde, die größte, die bisher auf Erden geſchah, daß er geſprochen hat:„Wehe denen, die hier lachen!“„Muß man denn gleich fluchen, wo man nicht liebt? Das— dünkt mich ein ſchlechter Ge⸗ ſchmack. Aber ſo tat er, dieſer Anbedingte. Er kam vom Pöbel.“ And von ihm haben


