Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

Nietzſche zu dieſer Höhe begleitet haben und auf den wir hier noch einmal zurückſehen dürfen! Lang iſt er nach der Abwendung von den Idealen ſeiner Jugend wie in einer von rauhen Winden durchwehten Niederung dahingewandert. Nur an einzelnen Stellen leuchtet noch zwiſchen den zerriſſenen Wolken das Blau des Himmels durch mit ſeiner unermeßlichen Tiefe, ſeiner herzerfreuenden Klarheit. And nun ſteht inZarathuſtra wieder der urſprüngliche Nietzſche vor uns, der Dichter, der Seher, der Wanderer auf Bergeshöhen, der über die Gipfel dahinſchreitet, der ohne Schwindel in Abgründe ſchautund wo ſtünde der Menſch nicht an Abgründen! Iſt Sehen nicht ſelber 230. Abgründe ſehen?

19. Freilich folgen dann aufZarathuſtra wieder dasDenſetts von Gut und Böſe, dieGenealogie der Moral, derAntichriſt, derWille zur Macht lauter Werke, in denen die Skepſis der zweiten Periode erneuert, ja überboten wird. Das iſt ſein grauſames Schickſal, daß mit gleicher Kraft die Tiefe des Gefühls, der Phantaſie und die Schärfe des Verſtandes, dionyſiſche Glut und ſokratiſch⸗ſtoiſche Kälte in ihm verbun⸗ den ſind; nicht zu ſtetem Austauſch und ruhigem Ausgleich miteinander wie in glück⸗ licheren Naturen, ſondern zu unaufhörlich ſich erneuerndem Kampf um die Alleinherrſchaft. So hat er in ſich ſelber erlebt, was er in dem AbſchnittVon den Freuden⸗ und 51. Leidenſchaften ſchreibt:Auszeichnend iſt es, viele Tugenden zu haben, aber ein ſchweres Loos. Sieho, wie jede deiner Dugenden begehrlich iſt nach dem Höchſten: ſie will deinen ganzen Geiſt, daß er ihr Herold ſei, ſie will deine ganze Kraft in Zorn, Haß und Liebe. Eiferſüchtig iſt jede Tugend auf die andre, und ein furchtbares Ding iſt Eiferſucht. In ihm wohnt unaustilgbar das Verlangen nach allen Tiefen, Höhen und Weiten, nach allen unergründlichen, dunklen Geheimniſſen des Daſeins; vielmehr es wohnt nicht in ihm, ſondern es drängt und bohrt, es ſtößt und wühlt in ſeinem Innern. And es drängt nur um ſo heftiger, weil immer wieder der ätzende, ſchneidende Verſtand jenes Verlangen niederzudrücken ſucht, das ebenſo heftige Begehren nach Erkenntnis alles Seienden, die ebenſo unüberwindliche Luſt, alle dem, was mit dem Verſtand ſich nicht erfaſſen läßt, das Machtwort entgegenzuſchleudern: das iſt nicht! das darf nicht ſein!

Was Nietzſhe ſelber oft bezeugt hat, daß es rein objektive Erkenntnis nicht gebe, daß der Wille den ſtärkſten Einfluß auf unſer Bejahen und Verneinen ausübe, das tritt uns vielleicht nirgends deutlicher entgegen als in der Art, wie er ſich dem Chriſtentum gegenüberſtelle.

Nietzſche's Darſtellung des Chriſtentums.

20. Das Chriſtentum iſt für Nietzſche die Religion derkleinen Leute, der kleinen Tugend, des kleinen Glücks, die Religion der Schwachheit und Halbheit, der Beſchei⸗ denheit und der Ergebung und zugleich des Haſſes gegen alles Große und Hohe, gegen alle Stärke und Vornehmheit. Es iſt damit die Religion der großen Maſſe, der Mittel⸗ mäßigkeit; es ſchädigt die Menſchheit dadurch, daß es ſie auf einem niedrigen Niveau erhält und ſie ihrer Aufgabe entfremdet, aus ſich ſelbſt die einzelnenhöchſten Exemplare, den Genius, den Aebermenſchen hervorzubringen. Indem Chriſtus die Nächſtenliebe als die höchſte Tugend der Seinigen bezeichnet und fordert, begünſtigt er das träge Stehen⸗ bleiben bei dem, was da iſt eben beimNächſten das behaglich⸗-erbärmliche Aus⸗ ruhen und Ausruhen⸗-laſſen bei dem Stand der Dugend, der Erkenntnis, Kraft und Tüchtigkeit, der in irgend einem Kreis der Bekenner des Chriſtentums ſich eben vorfindet. Daß Nietzſche ſelbſt früher einmal geſchrieben hat, gerade das Chriſtentum habe dem Lebeneine ganz neue und unbegrenzte Gefährlichkeit beigelegt, einen neuen, großen 4, 58. und tiefen Ernſt gegeben, ſcheint Zarathuſtra vergeſſen zu haben.

Chriſtus bindet ſeine Jünger ganz an ſich als den guten Hirten, den unfehlbaren Lehrer der Wahrheit. Damit drückt er ſie herab zu Gliedern einer willenloſen, ſtumpf und dumpf dahinwandelnden Herde. Die Glänbigen ſind die Schafe, die willig hinter dem Hirten einherlaufen; oder ſie ſind die Kühe, und ihre beſte Tugend iſt das Wie⸗ derkäuen des Futters, das ihnen vorgeworfen wird; oder die Kindlein, die dumm und froh beten, Hände falten,lieber Gott ſagen und ſo ins Himmelreich kommen. Innerhalb dieſer Herde ſollen alle Anterſchiede ausgelöſcht ſein. Das Chriſtentum er⸗