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Br 3, 605.
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daß er ſagen kann:„Dies iſt meine Erfahrung von Inſpiration; ich zweifle nicht, daß man Jahrtauſende zurückgehen muß, um Jemanden zu finden, der mir ſagen darf: „Es iſt auch die meine!““
17. Nietzſche ſelbſt hat wiederholt„Zarathuſtra“ als den Höhepunkt ſeines Schaffens bezeichnet. Er findet nicht Worte genug, um die Einzigartigkeit dieſes Buches zu preiſen, das er der Welt geſchenkt hat. Aller dings bezeichnet er dann die auf„Zarathuſtra“ folgenden Jahre als den Aebergang zu einer noch höheren Stufe des Wirkens. Auf„das tieffte Buch“, das die Menſchheit durch ihn erhalten hat, ſoll„über kurzem das unab⸗ hängigſte“ folgen, ſein Hauptwerk, die„Amwertung aller Werte“. Ich kann in den Er⸗ eugniſſen dieſer letzten Jahre kein Aufſteigen mehr erblicken; am allerwenigſten, wenn es ſch um Nietzſche's Stellung zum Chriſtentum handelt. Es findet ſich in den Schriften von„Jenſeits von Gut und Böſe“ an bis zum„Antichriſt“ und den Fragmenten des „Willens zur Macht“ nichts, was wir etwa als Ausreifung, Veredlung, Vertiefung der Ideen bezeichnen könnten, die bis dahin ſein Arteil über Jeſus beſtimmt haben. Im Ge⸗ genteill die Grundgedanken, die in„Zarathuſtra“ und ſchon früher ſich finden, begegnen uns in allem weſentlichen unverändert wieder; aber alles iſt in der Ausführung einſeitiger, gehäſſiger, niedriger geworden. Einige früher gebrauchte Schlagwörter treten zurück, andere, bis zum Aeberdruß wiederholt und ausgepreßt, an ihre Stelle. In grimmigem Haß gegen alles geſchichtlich Gegebene und Gewordene bricht die„Götzendämmerung“ herein und der„Antichriſt“ läuft aus in blindes Toben gegen die Notten der Prieſter, der Heuchler, der Narren, der Verführer und der Verführten, die ſich nicht einmal mehr ſchämen, Chriſten zu heißen. Nein, das iſt nicht mehr der Feind, an dem wir empor⸗ wachſen können, das iſt der in jammervoller geiſtiger Vereinſamung verſinkende Kranke. Die geſteigerte Energie, die koloſſale Produktivität dieſer letzten Zeit, das zeitweilige Glücksgefühl, die Anläufe, um ebenſo über die aphoriſtiſche Schreibweiſe wie über den Prophetenſtil des„Zarathuſtra“ hinauszukommen zu ruhiger, zuſammenhängender wiſſen⸗ ſchaftlicher Darſtellung— ſie beweiſen nichts gegen dieſe Auffaſſung. Nur mit ſchmerz⸗ lichſter Erſchütterung können wir dieſem Schauſpiel zuſehen, dem Antergang eines edlen, genialen, in den urſprünglichen Zügen ſeines Weſens bezaubernd liebenswürdigen Men⸗ ſchen; einem Schauſpiel, das nur um ſo tragiſcher iſt, weil er ſelbſt den Antergang als Aufgang empfand. In den Briefen noch deutlicher als in den von ihm ſelbſt ver⸗ öffentlichten Werken und in ſeinem literariſchen Nachlaß begleiten wir Schritt für Schritt all das Furchtbare. Schon lange vor den grauſigen Januartagen des Jahres 1889 zogen die dunklen Wolkenſchatten der herannahenden Krankheit über ſeine Seele hin, unterbrochen immer wieder von grellen Sonnenblicken. Nur wenn wir das berück⸗ ſichtigen, wird uns die Schroffheit, Anmaßung und Giftigkeit, mit der er jetzt auch manche ſeiner liebſten, treueſten Freunde behandelt, einigermaßen erträglich.
Wer dieſe Anſchauung über die letzte Periode im Schaffen Nietzſche's teilt, wird es begreiflich finden, daß hier eine Darſtellung ſeiner Gedanken über das Chriſtentum verſucht wird, die ſich in erſter Linie auf„Zarathuſtra“ gründet— eine Beſchränkung, die freilich auch ſchon in den einer Programmabhandlung gezogenen Grenzen eine teil⸗ weiſe Rechtfertigung findet.
18. Es ſei mir hier gelegentlich die Bemerkung geſtattet, wie wenig doch die offenbar weitverbreitete Aebung zu empfehlen iſt, das Studium Nietzſche's mit„Zarathuſtra“ zu beginnen oder auf dieſes Buch zu beſchränken. Es iſt unmöglich,„Zarathuſtra“ recht zu verſtehen, wenn man ihn nicht aus der ihm vorausgehenden geiſtigen Entwicklung Nietz⸗ ſche's hervorwachſen ſieht. Er ſelber bezeichnet einmal ſeine früheren Bücher als Kom⸗ mentare zu„Zarathuſtra“. Aber wie hier die Kommentare vor dem Tert entſtanden ſind, ſo wird man gut tun, ſie auch vor dem Tert zu leſen. Man beraubt ſich jeden⸗ falls eines hohen geiſtigen Genuſſes, wenn man das allmähliche Aufſteigen Nietzſche's bis zum„Zarathuſtra“ überſpringt. Es iſt wohl eine ſehr ermüdende Arbeit, ſich durch die mehr als zweitauſend Aphorismen des„Menſchlichen, Allzumenſchlichen“, der„Morgen⸗ röte“, der„Fröhlichen Wiſſenſchaft“ durchzuarbeiten, zu denen die nachgelaſſenen„Werke“ weitere Tauſende hinzufügen. Aber auf anderem Weg läßt ſich der Gipfel, der den Namen Zarathuſtra's trägt, nicht erſteigen. Er erſcheint jedenfalls für den, der ihn im Flug ohne alle Zwiſchenſtufen erreichen wollte, nicht als das, was er iſt und bedeutet. Wie merkwürdig, wie ſpannend, ja wie ergreifend iſt dagegen der Gang, auf dem wir


