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uns Nietzſche hinein. Da gibt es kein Ideal mehr, keine Ewigkeit, nichts, was dem
Wechſel und der Vergänglichkeit entnommen, keine reine Kraft der Liebe, keine Tugend, die nicht aus Selbſtſucht und Eitelkeit erwachſen wäre. Alle feſtſtehenden Normen und Autoritäten, alle die großen Perſönlichkeiten, die erhebenden Gedanken, die je die Men⸗ ſchen verehrt haben, werden einer kritiſch zerſetzenden Analyſe unterworfen.
And nun begegnet Nietzſche auf jedem Schritt und bei jeder Wendung ſeines neuen Weges den chriſtlichen Gedanken, den chriſtlichen Wertſchätzungen, den chriſtlichen Heilig⸗ tümern, Sitten, Lebensregeln. Alle Werte ſollen umgewertet werden— die Sache ſelbſt, das Werk dieſer„Umwertung“ beginnt ja mehr als ein Jahrzehnt, ehe der Plan zu dem Buch gefaßt wird, das jenen Titel führen ſoll— ſo muß vor allem das Chriſten⸗ tum und Chriſtus ſelber weg. Wie er früher in Schopenhauer und Wagner allen Glanz ſeiner Ideale verkörpert und zu dankbar⸗gläubiger Hingebung vor ſich aufgerichtet hat, ſo muß er jetzt auch alles das, was er haßt und bekämpft, in einem feſten, greifbaren Bild zuſammenfaſſen. Dies iſt das Chriſtentum. Das Evangelium Jeſu Chriſti hat, ſeit es in die Welt hereingetreten iſt, den Anſpruch erhoben, das abſolute, unwandelbare, alle Menſchen, alle Zeiten, alle Völker befriedigende höchſte Gut zu bringen. Wie wenig hat das, was ſich Chriſtentum heißt, dieſen Anſprüchen, genügt! wie viel Schwäche, Erbärmlichkeit, Anlauterkeit haſtet ihm an! Auf dieſes Chriſtentum häuft darum Nietzſche allen Hohn und Spott, alle Schmach und Verachtung; gegen dieſe angeblich ewigen Werte richtet er ſeinen ganzen Ingrimm und ſeine unerſättliche Kampfesluſt.
Daß er mit dem Kultus, den er dem Philoſophen und dem Künſtler dargebracht hatte, im Grund eben ſich ſelber, ſeine Ideale gemeint hat, hat Nietzſche ſpäter erkannt. Daß er in ſeiner Feindſchaft gegen Chriſtus den Tatſachen der Geſchichte ins Geſicht ſchlägt, daß er mit ſeinem Kampf gegen das Chriſtentum nur die Einzelheiten der Erſcheinung, nicht das Weſen der Sache trifft, hat er nie gemerkt, und die Anbe⸗ dingten unter ſeinen Jüngern ſind ihm auch in dieſer blinden Verkehrung der Wirklich⸗
keit nachgefolgt.
1 16. In dieſer Feindſchaft iſt er ſich gleich geblieben auch dann, als er die neue Wand⸗ lung vollzog, die ihn aus dem Poſitivismus und Intellektualismus wieder heraus⸗ und zu „Zarathuſtra“ hinführte. Es iſt die Frage aufgeworfen worden nach fremden Einflüſſen, unter denen der„Zarathuſtra“ entſtanden ſei, insbeſondere nach dem Verhältnis zu Spitte⸗ ler's„Prometheus und Epimetheus“. Nietzſche weiſt jede Behauptung einer Abhängig⸗ keit ſeiner Dichtung von Spitteler oder ſonſt irgendwem zurück, und Spitteler ſelber ſtimmt ihm darin im weſentlichen zu. Nietzſche mag in ſeinem Bewußtſein und noch mehr in ſeinen Aeußerungen die Fülle und Stärke der Anregungen, die er von anderen empfangen hat, oft unterſchätzt haben, ebenſo wie die Bedeutung der eigenen Vorarbeit, aus der dann nach langer Wanderung im Anbewußten oder Halbbewußten ſeine Werke ans Licht traten. So kann es auch angefochten werden, wenn er ſchreibt:„Wenn jemals etwas aus ſich ſelbſt entſprungen iſt oder, wie man ehemals ſagte— inſpirirt—, ohne Vorbild, Beiſpiel, Rückſicht, Abſicht, ſo iſt es dieſer Zarathuſtra“. And im Grund ge⸗ nommen hat Nietzſche dennoch recht. Weder dem„Prometheus“ noch irgend einer anderen literariſchen Erſcheinung noch irgend einem Menſchen unſerer oder einer früheren Zeit kommt eine ſolche Bedeutung zu, die uns berechtigen würde, Nietzſche nicht mehr als den eigentlichen und alleinigen Schöpfer des„Zarathuſtra“ zu betrachten. Seine Bekannt⸗ ſchaft mit Spitteler mag die eigentümliche Form des„Zarathuſtra“ mitveranlaßt haben, es mögen mehr oder weniger einzelne Entlehnungen, Anklänge u. drgl. nachgewieſen werden. Aber die Quelle ſelber, aus der dieſe Dichtung entſprang, iſt durchaus nur im Innern Nietzſche's zu ſuchen.
In den langen Jahren, da er ſich und andere mit der Kälte ſeines zerſetzenden Verſtandes quälte, hat ſich tief in ſeinem Herzen zu vulkaniſcher Heftigkeit der Trieb angeſammelt, nun wieder einmal durchzubrechen durch den Bann der Reflexion und dem glühenden innerſten Weſen Naum zu ſchaffen. Er hält es auf die Dauer nicht aus in der furchtbaren Oede der Eis⸗ und Schneefelder, auf denen jedes Leben erſtarrt, jede Regung des Gefühls erkaltet. Wie hatte er in den Jahren des„Menſchlichen, Allzu⸗ menſchlichen“ geſpottet über alles myſtiſche Ahnen, über alle dichteriſche Inſpiration! And nun kommt über ihn ſelber dieſer geheimnisvolle Strom mit ſolcher Gewalt, daß er
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ihn„im Diefſten erſchüttert und umwirft“. Es iſt eine Erfahrung ſo wunderbarer Art, E 91 f.


