Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
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Br 4, 69.

SI. 30.

15, 157.

Br 2, 110.

125.

12, 254

ſeinen Werken, ſeinen Briefen, in der Biographie aus der Hand ſeiner Schweſter, ſind verhältnismäßig recht ſpärlich. Was will es heißen, wenn wir hören, in Sorrent habe Nietzſche mit ſeinen Freunden im Neuen TDeſtament geleſen? daß ſich daran ein ernſtes Studium angeſchloſſen hätte, iſt durch nichts angedeutet; oder wenn wir ſehen, daß ihm ein nicht unbeträchtlicher Vorrat von Bibelworten zu Gebot ſteht? ihm, der ſicherlich in ſeiner Schulzeit viel mit bibliſchen Dingen ſich beſchäftigen mußte und der ein Menſch von ausgezeichneten Geiſtesgaben, auch von gutem Gedächtnis war? Einige unmittelbar auf unſere Frage ſich beziehende Aeußerungen Nietzche's ſelber ſind deswegen faſt wertlos, weil ſie ſich diametral gegenüberſtehen. In einem Brief an P. Gaſt vom Jahr 1881 ſchreibt er von ſeiner Stellung zum Chriſtentum, er ſeivon Kindesbeinen an ihm nachgegangen in viele Winkel, imEcce homo dagegen leſen wir: Gott,Anſterblichkeit der Seele,Erlöſung,Jenſeits lauter Begriffe, denen ich keine Aufmerkſamkeit, auch keine Zeit geſchenkt habe, ſelbſt als Kind nicht, ich war vielleicht nie kindlich genug dazu? Ganz ähnlich kurz und rund in den Vorarbeiten für ſein philoſophiſches Hauptwerk:Ich bin nicht eine Stunde meines Lebens Chriſt geweſen.

Jedenfalls dürfen wir in letzter Linie Nietzſche's Ablehnung des Chriſtentums nicht auf einen bloß theoretiſchen Mangel zurückführen. Er iſt mit ſeiner gänzlichen Verkennung deſſen, was Chriſtus geweſen iſt und gewollt hat, eines der deutlichſten Beiſpiele für die Wahrheit, die er ſelbſt, wie wir geſehen haben, durchaus richtig erkannt und bezeichnet hat: es wird immer ſich als unmöglich erweiſen, eine ſolche große geiſtige Erſcheinung, wie ſie das Chriſtentum darſtellt, lediglich von außen her zu erfaſſen und richtig zu beurteilen. Vielleicht iſt ein Blick auf die innere Entwicklung Nietzſche's das einzige, was hier ein wenig Licht zu geben vermag.

Nietzſche's Entwicklung.

14. Früh beginnt die Begeiſterung für die Ideale der klaſſiſchen, insbeſondere der grie⸗ chiſchen Geiſtes⸗ und Kulturwelt. Dazu kommt dann Schopenhauer und Wagner. Mit faſt abgöttiſcher Verehrung, mit der ganzen Heftigkeit, die ſeinem Gefühlsleben eigen iſt, hängt er ſich an dieſe beiden Heroen. Er hat den Mut ſeineeigenen Götzen aufzuſtellen. Aber im Grund genommen findet und beſchreibt er in dem Philoſophen und dem Künſtler nur ſich ſelber; in ſie hinein dichtet er die ganze Fülle alles des Großen, Wahren, Schönen, das er mit glühendem Eifer in ſeiner Perſon und als das Werk ſeines Lebens zu erringen ſucht.

15. Der Rückſchlag iſt unausbleiblich. Kalt, ſchroff, verletzend nach außen, in Wahr⸗ heit mit blutender Seele reißt er ſich los:Manchen Abſchied nahm ich ſchon, ich kenne die herzbrechenden letzten Stunden. Wir haben keinen Grund, ſeinem eigenen Zeugnis zu widerſprechen, daß er innerlich ſchon angefangen hatte, ſich von den verehrten Genien abzuwenden, als er in der Oeffentlichkeit ihnen die literariſchen Denkmäler ſetzte. Die angebeteten Geſtalten, die er in dem Heiligtum ſeines Herzens aufgerichtet hatte, haben ſich als bloße Menſchen erwieſen, Menſchen mit großen Schwächen und Fehlern; noch mehr: ſie haben ihn von ſeinem eigenen Pfad abgelenkt, ſie haben ihm ſeine über alles geliebte Freiheit rauben wollen. Sie haben ihn nicht zu ſich ſelbſt, nicht zu dem kommen laſſen, was er immer deutlicher im Anterſchied von dem ihm auferlegten Amt als ſeine Aufgabe erkennt. Nun bricht mit unwiderſtehlicher Gewalt in ihm das Verlangen durch nach Freiheit, nach ſeinem Leben, ſeinem Denken, ſei⸗ nen Zielen. And mit jenen beiden ſollen nun auch alle Ideale geſtürzt und zerbro⸗ chen, ja der Idealismus ſelber ſoll verflucht ſein, verflucht alle Romantik, alle Gefühls⸗ weichheit, alle anbetende Beugung vor irgend einem Gott.Mit tauſend Bosheiten nahm ich Nache an aller Verſchönerei und Schwarmgeiſterei. Alles das umzukehren, was bisher die Welt für groß und gut, was ſie für ſchlecht und niedrig erklärt hat, das erkennt Nietzſche jetzt als ſeinen Beruf. Die einzige Waffe in dieſem Krieg, den er gegen die ganze Welt der herkömmlichen Wertungen führt, ſoll der Verſtand ſein. Er iſt einge⸗ treten in die Periode des einſeitigen Intellektualismus. Intellektualismus iſt der Erweis der Männlichkeit; alles metaphyſiſche Bedürfnis ausreißen und töten, das heißt Wahr⸗ haftigkeit; die Kunſt ebenſo wie die Religion ſind nur noch die Verführerinnen, deren Lockung der Redliche ſich entziehen muß. In eine entſetzlich kalte, ſtarre Welt führt

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