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brachte, war dies das ſchrecklichſte, deutlichſte Zeichen der Zerſtörung, daß Nietzſche gar nicht mehr nach Freiheit verlangte:„Soweit iſt es mit dieſem Freiheitshelden gekommen, er denkt gar nicht mehr an Freiheit“.(An P. Gaſt, 20. Januar 1889.) Nun finden wir aber bei ihm neben dieſem Freiheitsdrang ein ebenſo ſtarkes Sehnen und Suchen nach Wahrheit und Reinheit, nach allen Tiefen und Höhen des Seins, ein Suchen mit Einſetzung der ganzen Perſon, mit einer wahrhaft ſich ſelbſt verbrennenden Leiden⸗ ſchaftlichkeit. Zwar meint er, das Ziel dieſes Sehnens nicht jenſeits der Erde und über der Menſchheit, ſondern auf der Erde und in den Grenzen der Menſchheit finden zu können. Aber wenn das nicht ſelber ſchon Religion iſt, ſo doch gewiß Anlage zur Religion. And von da aus muß ich Nietzſche unter die Menſchen allerſtärkſter religiö⸗ ſer Veranlagung rechnen, die ich kenne.
Anlösbar iſt beides in ihm miteinander verbunden: jener Durſt nach Freiheit und dieſes Verlangen nach der Menſchlichkeit des Llebermenſchen, das er ſelber im„Zara⸗ thuſtra“ als das Verlangen nach Ewigkeit bezeichnet.„Ich liebe dich, oh Ewigkeit!“: dieſe Worte des wunderbaren„Ja⸗ und Amen⸗Liedes“ bilden wenn nicht den Höhepunkt, ſo doch einen der Höhepunkte ſeines„Zarathuſtra“. Nietzſche iſt keiner von den kalten Atheiſten, denen es wohl iſt in der durch ihren Verſtand entgötterten Welt. Er iſt noch viel weniger einer der ſinnlich⸗üppigen, ſinnlich⸗erhitzten oder ſinnlich⸗trägen Genuß⸗ menſchen, die keinen Gott brauchen können, weil ſie in ihrem Fleiſchesleben nicht geſtört ſein wollen. Neben den Worten des höchſten Entzückens über die Freiheit, die er ſich er⸗ rungen hat, ſieht die ſchmerzensvolle Klage über die Einſamkeit, in der er dahingeht: „Ich habe weder Gott noch Freunde!“ Jenes heiße Sehnen in die Höhe, in die Weite, in das Licht; jene aus der Tiefe ſeines Herzens kommende Anbetung des reinen Him⸗ mels; jenes Streben hinaus über all die Anvollkommenheit des gegenwärtigen Men⸗ ſchen, hinaus aus all der ihn umgebenden und bedrückenden Erbärmlichkeit der europäi⸗ ſchen Kultur— mag man dies alles heißen wie man will: ein Mann, der ſo gedacht hat, der iſt geſchaffen zur Religion, zur Gottesgemeinſchaft. And die ganze unſelige innere Zerriſſenheit ſeines Weſens, dieſes unheimliche Sich⸗hin⸗und-her⸗werfen zwiſchen den entgegengeſetzten Stimmungen und Richtungen, von einem Extrem zum anderen, von allen Himmelshöhen hinunter in die furchtbare Finſternis, von der kälteſten Skepſis in die glühendſte Phantaſie, von der Luſt des Niederreißens zur Wonne des Aufbauens; dieſe Anruhe, die ihn ja auch äußerlich umhergetrieben hat— ſeine körperlichen Zuſtände für ſich allein erklären das nicht— von einem Ort zum andern, die ihm in allen möglichen Verſuchen immer wieder eine Heimat vorgetäuſcht und nach kurzem, ſtillem Sich⸗Vergnügen den Anbefriedigten wieder aufgeſcheucht hat; all das ſind uns überwäl⸗ tigende Zeichen dafür, daß dieſer Mann, indem er die Religion von ſich ſtieß, indem er Gott aus ſeinem Herzen vertrieb, in blindem Wüten gegen ſeine eigene, innerſte Natur ſich verzehrt hat.
13. Freilich je ſtärker wir die religiöſe Anlage Nietzſche's betonen, um ſo unbegreiflicher werden uns ſeine Arteile über Jeſus und das Evangelium. Sein Mangel an Ver⸗ ſtändnis für Chriſtus gehört zum ſchmerzlichſten für den, der Nietzſche in ſeiner geiſtigen Größe ſich aneignen, ihn mitfühlend erfaſſen möchte. Man ſollte denken, ein Menſch wie Nietzſche müſſe von vornherein zu dem Menſchen Jeſus ſich mächtig hingezogen fühlen; er müſſe bei aller Verſchiedenheit der Welt⸗ und Lebensanſchauungen doch die Neinheit des Herzens, die Kraft des Willens, die Kühnheit des Mutes an Jeſus erkannt und
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mit freudiger Zuſtimmung anerkannt haben— ſo wie man ſich des Gegners noch
freut, den man nicht zu verachten braucht, auf den man ſtolz ſein kann.„Der vollkom⸗ mene Weiſe erhebt, ohne es zu wollen, ſeinen Gegner in's Ideal und macht deſſen Widerſpruch frei von allen Flecken und Zufälligkeiten: erſt wenn dadurch aus ſeinem Gegner ein Gott mit leuchtenden Waffen geworden iſt, kämpft er gegen ihn“: aber was macht Nietzſche aus dem Chriſtentum! Mit Ausnahme weniger Worte einer milden, ſchonenden Teilnahme findet ſich nichts, was auf ein tieferes Verſtändnis für Jeſus Hinweiſen würde. Ich habe es abgelehnt, den Mangel perſönlichen Chriſten⸗ tums Nietzſche als Schuld zuzurechnen. Aber hat er ſich denn auch nur ſo um die Erkenntnis Jeſu und ſeines Evangeliums bemüht, wie der Hiſtoriker den Helden und ſein Werk ſtudiert, deſſen Geſchichte er ſchreiben will? Die Anzeichen ſolcher Arbeit in
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