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250. 11, 63.
B 2,885.
S. XVIII.
5,216.
Br 1, 350.
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rend andere, die nicht beſſer daran waren als er, trotzdem chriſtlichen Gottesglauben und chriſtliche Weltanſchauung feſtgehalten haben? Es handelt ſich hier um Fragen, deren letzte, das Weſen der Sache erſchöpfende Klarlegung dem menſchlichen Wiſſen und Können entzogen iſt. Mit der bloßen Behauptung Nietzſche's, daß er aus Redlichkeit der Antichriſt geworden, alle anderen wegen ihrer Anredlichkeit oder Dummheit Chriſten geblieben ſeien, iſt nichts geholfen.
11. Immerhin bleibt uns eine Antwort möglich auf die Frage, ob in Nietzſhe's Weſen etwa von Anfang an die religiöſe Veranlagung gefehlt hat. Es ſcheint zunächſt, als ob wir dieſe Frage bejahen müßten. Nietzſche haßt das Chriſtentum nicht bloß wegen deſſen, was es von anderen Religionen unterſcheidet, ſondern er haßt die Reli⸗ gion überhaupt, wofern wir nämlich eine Weltanſchauung der reinen Diesſeitigkeit, genauer eine Weltanſchauung, die rein diesſeitig ſein will, von dem Gebiet der Religion ausſchließen. Die Erde ſollen wir lieben und auf der Erde zwar nicht den Menſchen— denn„der Menſch iſt etwas, das überwunden werden ſoll“— aber den Lebermenſchen, der im Sinn Nietzſche's nur die höchſte Stufe der rein irdiſchen, gerad⸗ linigen Entwicklung des Menſchen bedeutet. Es wäre auch gewiß nichts verkehrter als der Verſuch, Nietzſche gewaltſam Religion aufzudrängen, wenn er ſelber keine haben will. Er betont mit leidenſchaftlicher Stärke: Ich, Zarathuſtra— das heißt hier nichts anderes als: ich, Nietzſche ſelber—„ich bin Zarathuſtra, der Gottloſe, der da ſpricht „wer iſt gottloſer denn ich, daß ich mich ſeiner Anterweiſung freue?““ Die religiöſe Infektion“ iſt etwas wie die Pockenkrankheit:„entweder überwindet man ſie, oder man geht geiſtig daran zu Grunde“. Aber das iſt eben die Frage, ob dieſe heftige Abwei⸗ ſung der Religion gleichgeſetzt werden darf mit dem tatſächlichen und völligen inneren Losgebundenſein von ihr. Er heißt es Redlichkeit, was ihn zur Leugnung alles über⸗ irdiſchen Daſeins zwinge. Aber iſt es nicht vielmehr ein Art von ineellektualiſtiſchem Trotz, mit dem er ſich empört nicht nur gegen die ganze Menſchheit, ſondern auch gegen ſein eigenſtes Weſen und mit dem er deswegen ſich ſelbſt aufs tiefſte verwundet? Nietz⸗ ſche's Schweſter fühlt aus dem Stil des„Antichriſt“„jene tiefe Erregung nach, die ein tiefes und religiöſes Gemüt empfindet, wenn es ſich gegen das wendet, was ihm einmal das Höchſte und Teuerſte geweſen iſt.“ Ob dieſes Gefühl begründet iſt, mag dahingeſtellt bleiben— die Biographie der Frau Förſter ſelbſt gibt die Änterlage für eine ſolche Be⸗ hauptung nicht; in der Vorrede zum fünfzehnten Band gibt ſie auch ſelbſt eine andere Erklärung des gereizten Tones, in dem der„Antichriſt“ geſchrieben iſt. Jedenfalls haben wir aus der Zeit, wo die Löſung Nietzſche’'s vom Glauben ſich müßte vollzogen haben, aus ſeinem Mund und von naheſtehenden Freunden keine ausdrücklichen Zeugniſſe über innere Kämpfe. Aber trotz dieſes Schweigens kann durch ſeine Seele ein Riß gegangen ſein, der nur um ſo ſchmerzlicher war, je weniger er an die Ober⸗ fläche trat, je weniger er davon redete, je weniger er vielleicht auch nur ſich ſelber ſeiner Arſache und ſeiner Bedeutung klar bewußt war. And mancher wie aus einem dunklen Abgrund ſeines Innern hervordringende Klagelaut aus den ſpäteren Jahren wird in dieſem Sinn gedeutet werden müſſen. Ich rechne hieher insbeſondere die er⸗ greifenden Worte der„Fröhlichen Wiſſenſchaft“, wo er ſo zu ſich ſelber ſpricht:„Du wirſt niemals mehr beten, niemals mehr anbeten, niemals mehr im endloſen Vertrauen ausruhen— du verſagſt es dir, vor einer letzten Weisheit, letzten Güte, letzten Macht ſtehen zu bleiben——— deinem Herzen ſteht keine Nuheſtatt mehr offen, wo es nur zu finden und nicht mehr zu ſuchen hat:——— Menſch der Entſagung, in Alledem wunß du entſagen? Wer wird dir die Kraft dazu geben? Noch hatte niemand dieſe Kraft!“
12. So ſehen wir uns genötigt, eine andere Antwort auf die vorhin geſtellte Frage zu geben. Gewiß: deutlich und mächtig tritt uns in dem Bild Nietzſche's entgegen das Begehren nach abſoluter Freiheit von jeder denkbaren Autorität, möge ſie vom Himmel ſtammen oder von der Erde, von Gott oder von Menſchen, aus alter oder aus neuer Zeit. Iſt Religion das, als was Schleiermacher ſie beſchreibt, das Gefühl ſchlecht⸗ hiniger Abhängigkeit, ſo hat die ausgeprägteſte Richtung in Nietzſche’'s Weſen ihn nicht zur Religion hingewieſen.„Lieber Himmel“, ſchreibt er ſchon im Jahr 1875,„gib, daß wir freien Geiſtes ſeien, alles andere kannſt du für dich behalten“. Für Overbeck, den treuen Freund, der Nietzſche nach dem Ausbruch der Geiſteskrankheit von Turin heim⸗


