Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
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matt, feig und jämmerlich? daß ſo vieles, was längſt fallen will, doch nicht fällt? bis einer kommt, der ſpricht:Das Alles von Heute das fällt, das verfällt: wer wollte es halten! Aber ich ich will es noch ſtoßen!

10. In einem Punkt möchten wir wohl am meiſten eine unzweideutige, ſchwere Ver⸗ ſchuldung Nietzſche's erblicken. Man kann verſucht ſein zu ſagen, daß er gegen Chriſtus ſeinen Kampf geführt habe, ohne ihn wirklich zu kennen, ohne ſich auch nur um ſolche Kenntnis ernſtlich zu bemühen. Es iſt namentlich überraſchend, wie lange Jahre hindurch in ſeinen Briefen Religion und Chriſtentum ſo gut wie gar keine Rolle ſpielen, ihn ganz offenbar nicht intereſſieren. Aberſobald einer, ohne Kenner zu ſein, doch den Alr⸗ theiler ſpielt, ſoll man ſofort proteſtiren. Schwärmerei und Entzücken für ein Ding oder einen Menſchen ſind keine Argumente: Widerwille und Haß gegen ſie auch nicht.Oder meint ihr, heute, da ihr gefroren und trocken wie ein heller Morgen im Winter ſeid und euch nichts am Herzen liegt, ihr hättet beſſere Augen? Gehört nicht Wärme und Schwärmerei dazu, einem Gedankendinge Gerechtigkeit zu ſchaffen? und das eben heißt Sehen!Ausgekälteten Geiſtern glaube ich nicht. So ſchreibt Nietzſche, derſelbe, der freilich ſonſt gerade dem eiskalten Sinn allein rechte Erkenntnis zutraut. Aber geben wir ihm darin Beifall, daß nur die Liebe zu einem Ding, einem Menſchen das Ding oder den Menſchen recht zu ſehen vermag; fügen wir hinzu, daß dies nirgends mehr gilt, als auf dem Gebiet der Religion: wollen wir Nietz⸗ ſche das als Schuld anrechnen, daß er Chriſtus nicht geliebt hat? nicht lieben konnte? Fallen wir nicht in den eben abgewieſenen Fehler zurück, von Schuld zu reden, wo ein für allemal uns Menſchen verwehrt iſt, Schuld und Schickſal, menſchliche Freiheit und göttlichen Willen zu ſcheiden? Liegen die Dinge ſo, daß wir ſagen dürften: Nietzſche habe ſich einmal in ſeinem Leben von dem hohen Gut des chriſtlichen Glaubens, deſſen Wert ihm innerlich aufgegangen war, mit Bewußtſein und Willen abgewendet? Der Zeitpunkt für dieſe Wendung müßte ſehr früh angenommen, alſo doch ebenBewußt⸗ ſein und Wille in ſehr eingeſchränktem Sinn verſtanden werden. Denn wenn Nietzſche auf anderen Gebieten die denkbar größten Wandlungen durchgemacht hat, in dem einen iſt er ſich, von ſeinen Studentenjahren an, merkwürdig gleich geblieben: in ſeiner Ablehnung des Chriſtentums. Es gibt darin Stufenunterſchiede, eine beſtändige Steige⸗ rung bis zum Ende; der Ton, in dem er von Chriſtus und dem Chriſtentum redet, wird immer bitterer, verächtlicher, gehäſſiger. Aber es läßt ſich keine Amkehr wahrnehmen von Zuneigung zu Abneigung. In irgend einem klar bewußten und perſönlich gewollten poſitiven Verhältnis zu Chriſtus iſt er nie geſtanden. Wir haben manche Zeugniſſe über Aeußerungen kindlicher Frömmigkeit aus Nietzſche's Knaben⸗ und erſten Jüng⸗ lingsjahren; aber es iſt ſehr fraglich, ob ſie uns weiterführen als zu einer gewohnheits⸗ mäßigen, anerzogenen Chriſtlichkeit verbunden allerdings mit lauterer Wahrheitsliebe, tiefem Ernſt, ſtrenger Gewiſſenhaftigkeit. Von dem Zeitpunkt an, da er zum ſelbſtändigen Geiſtes⸗ leben erwacht iſt, finden wir in ihm den ausgeſprochenen Atheiſten und Gegner des Chriſtentums. Man hat dieſe Tatſache aus den Eindrücken erklären wollen, die er in ſeinerchriſtlichen Mitwelt erhielt, auch aus einem engherzigen Geiſt ſeines Eltern⸗ hauſes und Verwandtenkreiſes, oder aus Fehlern des Schulunterrichts. Nietzſche ſelbſt ebenſo wie ſeine Schweſter verſichert, daß er die aufrichtigen Chriſten immer geliebt und hochgeachtet habe, und daß umgekehrt ſie ihm gewogen geweſen ſeien. Man hat ge⸗ fragt, ob er vielleicht Chriſt geblieben, wieder Chriſt geworden wäre, wenn er mehr ſolche echte Jünger Jeſu kennen gelernt hätte. Alle dieſe Bemerkungen berühren doch nur nebenſächliche Momente. Sofern ſie ſich auf die Kindheit beziehen, ſcheinen ſie auch nicht durchaus der Wirklichkeit zu entſprechen; der Nachweis läßt ſich nicht erbringen, daß Nietzſche in ſeiner Kindheit von einem asketiſch⸗engen Chriſtentum umgeben geweſen ſei. Vielleicht weiſt man mit Recht darauf hin, daß er frühzeitig ſeinen Vater verlor, daß er unter lauter frommen Frauen aufwuchs. And wer wollte es beſtreiten, daß in dem ganzen Amkreis deſſen, was der ſo vieldeutige NameChriſtentum,chriſtliche Kirche umfaßt, neben ſtarken, reinen, hochſtrebenden Menſchen ſich genug Erſcheinungen finden, die wir ablehnen müſſen? Wer müßte nicht zugeben, daß in der Kritik, die Nietzſche am Chriſtentum was er einmal unter Chriſtentum verſteht geübt hat, ſehr viel Be⸗ rechtigtes iſt? Wir werden auf dieſe Frage noch zurückkommen müſſen. Aber warum haben ſolche Hemmniſſe bei Nietzſche zur völligen Verwerfung des Chriſtentums geführt, wäh⸗

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