Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

anderen Seite aus ſtandhalten. Aber wird nicht vielleicht das, was von Keimen eigenen, tüchtigen Weſens, innerer, perſönlicher Frömmigkeit und Sittlichkeit in ihnen liegt, über Frühlingsſturm und Froſt und Sommersglut hinüber bewahrt werden und dennoch, ja nach überſtandener Gefahr nur um ſo ſchönere Früchte tragen? And wir ſelber laſſen wir das unſere Sorge ſein, daß wir die Dämme um ſo feſter bauen, die den einher⸗ brauſenden wilden Waſſern wehren, ja die auch dieſe Fluten noch dienſtbar machen ſollen dem Geiſt und Willen deſſen, der größer iſt als Zarathuſtra⸗Nietzſche.

Nietzſche's Stellung zum Chriſtentum und zur Religion überhaupt.

8. Es iſt ja doch die Frage, die dem Lehrer beim Gedanken an ſeine Schüler, dem Vater beim Blick auf ſeine Söhne das Herz ſchwer machen kann, nur ein Teil eines weit umfaſſenderen Problems. Wie wird denn überhaupt ein Menſch, der von der Gewißheit der alles umfaſſenden göttlichen Weltregierung erfüllt iſt, mit dem Rätſel fertig, das in dem Auftreten eines Mannes wie Nietzſche unſerem Nachdenken geſtellt iſt Nietzſche desGottloſen, desAntichriſt, wie er ſich ſelber heißt? Nietzſche leugnet, heftiger, trotziger als irgend einen anderen Teil der chriſtlichen Glaubens⸗ und Sittenlehre, die Schuld: iſt er ſelber ſchuldig geworden, derMörder Gottes, der mit hundert klugen Gedanken, mit tauſend kunſtvoll geſchliffenen Pfeilen des Gelächters und der Verachtung Gott in den Herzen der Menſchen töten will? Wer in die tiefen Abgründe dieſes Menſchenlebens hineingeſehen hat, der wird die Frage nach Nietzſche's Schuld nur ſtellen können, um die Antwort darauf abzulehnen. Wir wollen uns kein Arteil darüber anmaßen, wie viel Schuld, wie viel Schickſal in dieſem heißen Kampf des Wiſſens, des Spottes, des Haſſes, des lauterſten Dranges nach Wahrheit und Freiheit, des Selbſtbewußtſeins und der Selbſtüberhebung ſich in einander verſchlungen hat. Wer will die Rätſel alle löſen, die wahrlich nicht vorwitziger Mutwille freveln⸗ der Menſchen, ſondern Gott ſelbſt mitten in unſer Leben hineingeſtellt hat; wer die ver⸗ worrenen Knoten aufſchürzen, in denen ein heiliger, unbegreiflicher Gotteswille verknüpft iſt mit dem bald demütig frommen, bald ſelbſtherrlich ſich auflehnenden Willen der Kreatur? Altes und Neues Teſtament laſſen uns Blicke tun in dieſe dunklen Fragen und zeigen uns keine Antwort auf dieſelben.

9. Gott bereitet ſich ſeine Werkzeuge, die einen zu Ehren, die anderen zu Anehren; ger erbarmt ſich, welches er will, und verſtocket, welchen er will: wo bleibt da der Menſchen Tat, des Menſchen Schuld? wo Gottes Gerechtigkeit? Hat nicht auch Nietz⸗ ſche ſeine Aufgabe zugewieſen erhalten und hat er nicht ſeine Kräfte im Dienſt dieſer ſeiner Aufgabe verzehrt? Iſt er nicht geſandt ſo, wie Gott furchtbare Wetter über das Land hinbrauſen läßt, die der wohlgepflegten Pflanzungen der Menſchen ſo wenig ſchonen als der dürren Aeſte und altersſchwachen Stämme im hochragenden Bergwald? Er hat einen Napoleon erweckt, um alte, morſche Gebäude umzuſtürzen, die Luft und Licht nicht zu den Menſchen kommen ließen, und kranke, greiſenhafte Bildungen in Staat und Ge⸗ ſellſchaft niederzumähen, die nicht ſterben konnten. Iſt nicht das die Aufgabe Nietzſche's geweſen, alle Bande zu löſen, welche Herkommen, Gewöhnung, tauſendjährige Anſchau⸗ ung geſchmiedet, womit ſie das Leben gefeſſelt hatten? damit das Daſein wieder einmal ganz neu begründet würde? daß wir alle Dinge einmal von der anderen, der bisher zurückgeſtellten Seite aus ſehen, das, was dunkel erſchien, nach ſeinem Licht, das, was hell beleuchtet war, nach ſeinem Schatten fragen ſollten? Eine ſchwere, bitter ſchwere Aufgabe fürwahr, die keiner auf ſich nehmen wird, der nicht muß! Auch Nietzſche hat einmal eine Heimat in den Wohnſtätten der Menſchen gehabt. Daß er ſich gedrungen fühlte, ſie zu verlaſſen, daß er den Weg nicht mehr zurückgefunden hatins Kinderland, daß er draußen verirrt und verſchmachtet iſt in der Glut der Wüſte ſollten wir ihn darum anklagen und verwerfen? Haben nicht alle großen Männer der Weltgeſchichte eben das getan was er, Chriſtus und die Reformatoren, die großen Dichter und Philoſo⸗ phen, Kriegshelden und Staatsmänner? nur vielleicht alle nicht gründlich genug? oder doch ſie alle ſo, daß auch über ihr Werk wieder die Macht der Aeberlieferung den grauen Schleier der Gewohnheit, der Formel gebreitet hat? Klagen wir denn nicht alle darüber, daß ſo vieles auf allen Gebieten des Lebens verrottet iſt und faul, lahm und