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entgegentritt! eine ſchier unerhörte Kunſt, gar alles umzuwenden, was je von Menſchen gedacht, geſagt, geſchrieben, geglaubt, gelehrt worden iſt, und die Kehrſeite davon aufzu⸗ zeigen! ein unerbittlicher Wille— unerbittlich auch gegen das eigene Herz und Leben — alles und jedes auf ſein Daſeinsrecht zu prüfen, was wir bisher als feſtſtehende Vorſtellung und Regel angeſehen haben, in der Familie, der Geſellſchaft, dem Staat, der Kirche, in Schule und Wiſſenſchaft, in Religion und Moral, in Politik und Aeſthe⸗ tik!„Oh meine Brüder, zerbrecht, zerbrecht mir die alten Tafeln! laßt uns neue Werte ſchreiben auf neue Tafeln!“ Wie muß ein ſolches Anternehmen auf das Lebensalter einwirken, da der Menſch anfängt herauszutreten aus den feſten Ordnungen, von denen er bisher ſich hat tragen und führen laſſen! da er ſich berufen weiß, in ſteigendem Maß ſelber ſich den Weg zu ſuchen, ſelber ſich die Bahn zu bereiten, auf der er fortan, der einzelne, nach ſelbſterrungener Lleberzeugung, gehen ſolll And dieſes Anternehmen ins Werk geſetzt von einem Mann, der ein ungewöhnlich umfangreiches Wiſſen auf vielen Gebieten beſitzt; der mit eindringendem Scharfſinn in alle Winkel des Daſeins hinein⸗ leuchtet; der fähig und willens iſt, in alle geheimnisvollen Tiefen, wenn es ſein muß auch in„ſchmutzige Waſſer“ hinunterzuſteigen, um die Grundlagen unſerer ganzen gegen⸗ wärtigen Geiſtes⸗ und Kulturwelt zu unterſuchen! einem Mann, der zugleich eine ſitt⸗ lich hochſtehende, charaktervolle und dabei überaus fein organiſierte Perſönlichkeit iſt!
Endlich das Lebensbild dieſes Mannes! dieſes jugendlich⸗ſchöne, freudig⸗glanzvolle Emporſteigen an der Hand der geliebten Führer; dann das ſchmerzliche Sich⸗losreißen und Sich⸗durchdringen zur Freiheit, zum eigenen Daſein, vom„Amt“ zum„Beruf“; der kühne Flug in die letzten Höhen, die menſchlichem Denken und Ahnen erreichbar ſind, in das unausſprechliche Glück und das unnennbare Weh des in ſeiner Höhe Ein⸗ ſamen; das immer dringendere, immer quälendere, zuletzt fieberhaft erhitzte Kämpfen um Gehör und Teilnahme ſeiner Mitmenſchen; bald die erſten dunklen Wolken, das finſtere Grollen des Verderbens am Horizont ſeines Geiſtes— dicht vor der Kataſtrophe noch⸗ einmal die ſeligſte Schöpferfreude, wie ſie uns aus dem„Ecce homo“ in ſo ergreifenden Worten entgegenquillt— und nun plötlich der ſchauerliche Zuſammenbruch, das Erlöſchen dieſes leuchtenden, zarten und weichen Geiſtes in der Nacht des Wahn⸗ ſinns: das iſt ein Bild von ſo großartiger, packender Tragik, wie ich kein ähnliches in der Geſchichte der großen Denker aller Zeiten kenne.
7. Wahrlich, ſo wird es doch jedem, der Nietzſche kennt und die Jugend verſteht, be⸗ greiflich ſein, daß ein junger Menſch von geiſtiger Friſche und Lebendigkeit nicht mehr ſo leicht von Nietzſche loskommt. Iſt er noch nicht vor der Zeit verknöchert, ſo muß er mit faſt unwiderſtehlicher Gewalt von ihm angezogen, ja im Tiefſten bewegt werden. And iſt er einmal zu der Höhle Zarathuſtra's in die träumeriſche, weltferne Einſamkeit ſeiner Berge hinaufgeſtiegen, ſo wird er nur ſchwer den Rückweg finden zu den Menſchen und Dingen der Wirlklichkeit.—
So werden wir vielleicht geſtehen müſſen, daß wir unſere Jugend vor dem bald glühend heißen, bald eiskalten Hauch Nietzſche’'s nicht Vrwaheen können,; daß der Wunſch, die Bitte, es möchte erſt der geiſtig und ſittlich Gereifte ſich Nietzſche zuwenden, wie alle derartigen Bitten und Wünſche vielleicht das Gegenteil von dem bewirkt, was wir erreichen möchten. Nun, dann mag uns dieſe Wahrſcheinlichkeit zur Veranlaſ⸗ ſung dienen, die Frage nocheinmal zu prüfen, ob wir die Jugend denn von ihm fernhalten wollenz ob wir nicht gerade bei ſolchen Fragen dem Rat des Jarathuſtra⸗Nietzſche folgen wollen und hart ſein, das Mitleid wegwerfen, die junge Kraft der ſchweren Probe ausſetzen, daß ſich zeige, ob ſie geſund und echt iſt? Neben dem Gefährlichen, dem Gift iſt doch ſo viel Anregendes, Stählendes, Erhebendes in Nietzſche, daß wir zweifeln müſſen, ob wir vor ihm warnen dürfen. Iſt Nietzſche die einzige, iſt er die ſchlimmſte Gefahr für unſere Söhne, unſere Schüler, unſere Kommilitonen? wenn vor der einen — könnten wir ſie vor allen, vor den ſchlimmeren Verſuchungen bewahren? Ja iſt er nicht ſelber Schutzwehr gegen andere Feinde? erregt er nicht Ekel und Abſcheu vor man⸗ chem Krankheitserreger und Luſt zu vielem Höchſten, Beſten, Reinſten? Wir möchten unſere Söhne ſtark wiſſen, ehe wir ſie, ehe ſie ſich den Gefahren preisgeben: werden ſie anders ſtark, als eben im Kampf, in der Verſuchung? Ein Stück anerzogener Sitte, eine Doſis angelerntes Chriſtentum wird dem Angriff weder von dieſer noch von einer


