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ſcheint er doch auf Grund ſolcher Erwägung nicht geeigneter zum Führer und Heros der Jugend.
4. Freilich auf der andern Seite: mit welcher zauberhaften Gewalt, nicht bloß der Sprache, ſondern auch des Denkens, des Wiſſens, des Gefühls vermag uns Nietzſche dann wieder hinzureißen! Auch den, der von ganz entgegengeſetzten Stellungen und Aleber⸗ zeugungen aus zu ihm hinkommt! auch den, der im Evangelium Jeſu Chriſti das Wort der Wahrheit und in Lebensarbeit und Kampf den Beweis für dieſe Wahrheit gefunden
hat! Wie ungeheuer muß dieſe Gewalt erſt ſein über das junge Gemüt! über einen
Menſchen, der nicht durch Jahrzehnte ernſten Nachdenkens und praktiſcher Lebensführung in ſeinen ALleberzeugungen gefeſtigt iſt, der vielmehr erſt ſeinen Weg, ſeine Anſchauungen, ſeine Stellung zu Gott und Welt zu erringen hat! Gewiß: Suchende bleiben wir, ſo⸗ lange wir leben— wären wirs nicht mehr, wir würden das Leben nicht mehr Leben heißen. Doch wird uns Aelteren bei dem Studium Nietzſche's recht bald ſchon das Gefühl ſich aufdrängen: neue Lebensquellen hat er uns nicht erſchloſſen. Er gibt uns keinen Erſatz für das, was wir in Jeſus und ſeinem Evangelium gefunden haben; geſchweige denn, daß das Licht dieſer Perſon und dieſes Wortes durch Nietzſche und ſeine Lehre überboten würde. Aber wer die beſtimmte Richtung für ſein Leben noch nicht gefunden hat, der wird gerade durch das Angenügen, das die zerſetzende Kritik Nietzſche's hervor⸗ bringt, immer weiter in die Anruhe hineingetrieben. Alles, was bisher die Menſchen als groß, ſtark, hoch, ſchätzenswert angeſehen haben, wird von Nietzſche zuerſt mit kühlem Sinn„auf Eis gelegt“, damit es erfriere; und wie es doch nicht erfriert, wird es zu Boden geriſſen, zerſtampft, zerfetzt, zerſchunden— aber was iſt denn nun das Neue. das er an die Stelle des Alten ſetzt? welche neuen Kräfte, neuen Ziele bietet er mir an? welche Wege zeigt er mir, auf denen ich hindurchſchreiten könnte durch die oft ſo furcht⸗ bare und verwirrende Wirklichkeit des mich umgebenden Lebens mit allen ſeinen Zweifeln und Kämpfen? So wird der Leſer weitergeführt von dem dionypſiſch⸗jugendlichen, ſtürmi⸗ ſchen Kraftgefühl der„Geburt der Tragödie“ durch die ſcharfe, eiskalte Luft des„Menſch⸗ lichen. Allzumenſchlichen“ hinein in die Myſterien und die Orakelſprüche des„Zarathuſt⸗ ra“, bis hinaus zu dem ohnmächtig wütenden Schelten und Toben des„Antichriſt“. Am Ende dieſer Bahn ſteht,„jenſeits von gut und böſe“, der„Llebermenſch“, der„Wille zur Macht“, die„Wiederkehr aller Dinge“— alles ſo wenig greifbare Lebensziele und poſitive Lebenskräfte, wie etwa die verneinende Politik und der Zukunftsſtaat der Sosial⸗ demokratie.„Immer ſtarrt er in das Blaue— Fernſtes lockt ihn allzuſehr!“: ſo ſchildert Nietzſche— ſich ſelber.
5. Aber zu beiden Seiten dieſes Weges— welche unendliche Fülle von ſchönen, lockenden Erſcheinungen, von blitzenden, prickelnden Sprüchen, von meteorartig leuchtenden. weltweiten, abgrundtiefen Ahnungen! Alles was unter der Sonne lebt und webt, was kriecht und fliegt, ſchwimmt und läuft, was im dunklen Schoß der Erde verborgen iſt, was in blauen Lüften und ſilbernen Himmelshöhen ſchwebt— alles muß dazu dienen, um die geheimſten Regungen der Menſchenſeele vor unſeren Augen lebendig werden zu laſſen;„Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen“: ſeeliſche Schwingungen, die ſo un⸗ faßbar ſchienen, daß wir ſie kaum in uns ſelber wahrzunehmen vermochten; allerfeinſte Schattierungen von Stimmungen und Gefühlen, die nur je eines Menſchen Bruſt be⸗ wegt, erhoben, zerriſſen, beſeligt haben. Man ſehe nur vier oder fünf beliebig herausge⸗ griffene Seiten in„Zarathuſtra“ darauf hin an! Gibt es in der Poeſie aller Zeiten und Völker ein Buch, das erhaben düſtere Majeſtät, zarte, duftige Weichheit, qualvoll⸗ bohrenden Schmerz, ſüßes, müdes, wehmütiges Glück ſo in ſich vereinigt und ſo darzuſtellen vermag wie„Zarathuſtra“? Erinnert uns nicht mancher Abſchnitt darin an die höchſte poetiſche Kraft und Schönheit der altteſtamentlichen Propheten? oder an die Wunder der Sprache im Hohen Lied? oder an die Bilderpracht des Buches Hiob? Oder wer ſich mit dem dichteriſchen Pathos des„Zarathuſtra“ nicht befreunden kann, der mag ſich der Erſtlingswerke bis hinauf zur„Fröhlichen Wiſſenſchaft“ erfreuen. Welcher Schriftſteller hat je die ſichere Klarheit, das ruhige Gleichgewicht, die tief innerliche Freu⸗ digkeit dieſer Sprache überboten? welcher auch nur erreicht?
6. And dann freilich noch viel beſtechender, als dieſe formellen Vorzüge die ätzende Schärfe der Kritik und die berückende Macht der Perſönlichkeit, die uns aus jedem Satz


