Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
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2. Ich bin damit zu der Frage hinübergeführt worden, der ich nicht glaube aus dem Weg gehen zu dürfen: iſt es wünſchenswert, daß junge Leute, Primaner, Studenten in den erſten Semeſtern Nietzſche leſen? eine Frage, die wir recht wohl in Nietzſche's eigenem Sinn und Intereſſe ſtellen dürfen. Ich glaube, daß wir ſie, in ſeinem Sinn, verneinen müſſen. Er hat ſich freilich darüber, wie über ſo vieles andere, nicht überein⸗ ſtimmend ausgeſprochen. Er hat dann und wann ſich ſogar ausdrücklich an die Jugend gewendet. Aber in den Zeiten ſeiner beſten Kraft und Sicherheit hätte er keine ſonder⸗ liche Freude darüber gefühlt, ſeine Anhänger hauptſächlich unter jungen Leuten zu finden, die noch in den Anfängen wiſſenſchaftlichen Studiums und noch mehr der praktiſchen Lebenserfahrung und der bewußten Ordnung des eigenen Lebens ſtehen. Aus allen Zeiten laſſen ſich Aeußerungen von Nietzſche anfüyren, in denen er recht deſpektierlich von den Jünglingen redet. And andererſeits berichtet uns ſeine Schweſter, daß er ‚jede tiefere Verehrung, die er bei einem anderen erblickte, beſonders an einem Jüngling, in heiliger Scheu unangetaſtet ließ.Solchem jungen Geiſt und Charakter eine Laſt aufzubürden, die er noch nicht zu tragen vermochte, war ihm außerordentlich peinlich. In der Tat: wer mit Nietzſche ſein Philoſophieſtudium anfängt, der iſt dem Bergſteiger zu vergleichen, der, zum erſten Mal in den Alpen, ſich gleich an den Winkler⸗Turm macht, oder dem Klavierſpieler, der nach den erſten Fingerübungen zu Beethovens Waldſteinſonate greift. Nietzſche hat einmal in ſeinen letzten Jahren ſich Jünger gewünſcht, die ihm unbedingte Nachfolge geloben; in früheren Zeiten lauten ſeine Forderungen ganz anders: er möchte Schüler haben, die imſtande ſind, mit vollbewußter Selbſtändigkeit ſich gegen ihn zu wehren. And wir dürfen doch wohl fragen, ob ein junger Menſch mit dieſer Widerſtands⸗ kraft reifen geiſtigen Lebens an Nietzſche herantreten kann. Wie ſoll man ſeinen Gedanken mit eigenem Arteil begegnen, wenn man nicht zuvormit heißem Bemühn ſich auseinan⸗ dergeſetzt hat mit Plato und Spinoza, mit Jeſus, Paulus und Luther, mit Kant, Goethe und Schopenhauer? And noch viel mehr: wie kann man Nietzſche's Amwertung aller Werte des Lebens in ihrem Wert oder Anwert erkennen, wenn man nicht zuvor mit klarem Bewußtſein und männlichem Willen ſich im Leben geübt, ſich auf den Wegen verſucht hat, die bisher die Menſchheit gegangen iſt? um ſo zuerſt einmal zu erproben, ob dieſe Wege gangbar ſind oder nicht, ob ſie zu hohen Zielen empor oder, wie Nietzſche behauptet, in die Tiefen der Entartung hinunterführen.

3. Daß Nietzſche auf viele jugendliche Leſer eine oft beinahe unheimliche, hypnotiſierende Wirkung ausübt, iſt nicht in jeder Hinſicht ohne weiteres begreiflich. Ich denke dabei allerdings an wirkliches Nietzſche⸗Studium, nicht an ein oberflächlich⸗genußſüchliges Nippen und Naſchen an ſeinen Schriften. Durch die Aphorismenbände wird man ſich nicht wohl durcharbeiten können ohne ernſtliches, immer wieder ſich erneuerndes Aufgebot der Energie. And Zarathuſtra? wie viele Rätſel dieſes Buches werden wohl kaum jemals und von irgend jemand mit Sicherheit gedeutet werden können! Wie oft ermüdet uns Nietzſche durch unzählige Wiederholungen! wie oft ſtellt er die denkbar höchſten Anforderungen an den guten Willen des Leſers durch die chaotiſche Art, wie er ſeine Gedanken vorträgt! Die Widerſprüche, und wahrlich nicht bloß in Kleinigkeiten, in Nebenſachen, ſind ſo zahllos, Spruch und Gegenſpruch ſtehen ſo dicht neben einander, daß es ſchwer wird, Diietzſche irgendwo feſtzuhalten. And faſt undenkbar will es mir erſcheinen, daß nicht ein junger Menſch von vornehmer Geſinnung mit innerem Widerwillen erfüllt werden müßte gegen ſo manche freche Spöttelei und Witzelei, ſo manche faſt unglaublich kindiſch⸗oberflächliche Aeußerung Nietzſche's über Gott, über Jeſus, über das Evangelium, auch über Luther und die Reformation. Was müſſen wir uns in ſolchen Dingen bieten laſſen von einem Mann, der ſeinerſeits die höchſten Anſprüche erhebt an die Vornehmheit der Geſinnung, die Feinheit des Gefühls, die Zartheit der Rückſichtnahme gegenüber ſeiner Perſon und ſeinem Werk! Oder wollen wir, dem Widerwillen zu entgehen, bedenken, daß Nietzſche tief innerlich krank war ſchon längſt, ehe die Kataſtrophe über ihn hereinbrach? Dann er⸗

*) Zahlen ohne weiteren Zuſatz z. B. 1,23. 7,364 u. ſ. w. verweiſen auf Band und Seitenzahl der Werke Rietzſche's und zwar der kleinen(mit der großen vollkommen übereinſtimmenden) Oltavausgabe, Band 9 12 zweite Ausgabe. Wo kein Band angegeben iſt, iſt Band 6(Alſo ſprach Zarathuſtra) gemeint. B vor einer Zahl verweiſt auf die Biographie Nietzſche's von ſeiner Schweſter, Br auf ſeine Briefe(1. und 2. Band 3. Auflage, 3. Band 1. Hälfte 2. Auflage, 3. Band 2. Hälfte und 4. Band 1. Auflage), E aufEcce homo.

Br 3, 253.

B 2, 467.

Br 3, 613.