Aufsatz 
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus
Entstehung
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Die folgende Darſtellung über Nietzſche's Verhältnis zum Chriſtentum iſt entſtanden aus dem Zuſammentreffen meines Wunſches, mich über Nietzſche ſelbſtändig und umfaſſend zu orientieren, mit der mir den beſtehenden Ordnungen gemäß obliegenden Pflicht, den diesjährigen Schulnachrichten des Seminars Blaubeuren eine Programmabhandlung beizugeben. Andere Anſprüche als die, jenem Wunſch und dieſer Pflicht zu entſprechen, liegen dieſer Veröffentlichung nicht zu Grund. Sie verzichtet ſogar gern auf das Prädikat einer in allen Teilen wiſſenſchaftlichen Arbeit auf einem Gebiet, wo der Wiſſen⸗ ſchaft die letzten Tiefen des Gegenſtands doch unzugänglich ſind.

Daß in der Darſtellung der Ergebniſſe jener Orientierung entfernt keine Vollſtän⸗ digkeit beabſichtigt iſt, darf und muß ich gleich hier zu Anfang betonen. Ich greife nur einige der mir beſonders wichtigen Punkte heraus. Bei dem großen äußeren Amfang und dem inneren Reichtum des Gegenſtandes, bei der in der Natur der Sache liezenden Beſchränkung einer ſolchen Programmabhandlung kann das nicht wohl anders ein.

Nietzſche und die Jugend.

1. Spät erſt habe ich Nietzſche gründlich kennen gelernt, über den ich doch längſt und von vielen Seiten her mit ſtarkem Nachdruck hatte verſichern hören, daß man ſich not⸗ wendig mit ihm auseinanderſetzen müſſe. Der eine und andere frühere Verſuch, an ihn heranzukommen, hatte mich nicht eben zu weiterem Bemühen ermuntert. Allzu unſtet und ſprunghaft, allzu willkürlich, orakelmäßig, diktatoriſch erſchienen mir Weſen und Ge⸗ danken dieſes Propheten. Die Beobachtung, daß Nietzſche ſeinen Angriff gegen das Chriſten⸗ tum richte, ohne es wirklich zu kennen, ließ die Aufgabe nicht lockender erſcheinen. Mehr das Gefühl der Pflicht, die mir obliege, als einem Lehrer künftiger Philoſophen, Theo⸗ logen, Volksbildner, als etwa die Ahnung einer inneren Sympathie oder einer weſent⸗ lichen Förderung meines geiſtigen Lebens hat mich ſchließlich zu ihm hingetrieben.

And wenn ich nun zuſammenfaſſend überblicke, was ich bei ihm gefunden habe, ſo iſt mein Eindruck der: ich habe den Aufſchub nicht zu bereuen. Ich meine, es iſt mir kein nennenswerter Schaden, ja in gewiſſem Sinn ſogar ein weſentlicher Gewinn für meine Perſon und für meinen Beruf daraus erwachſen, daß ich ziemlich tief in die fünf⸗ ziger Jahre hineingekommen bin, ehe ich Nietzſche ſtudiert habe. Selbſtverſtändlich: ein Ereignis hat Nietzſche auch in meinem Leben gebildet. Es werden ja ſchließlich immer wieder die bedeutungsvollſten Momente in unſerem Leben ſein, wenn wir mit einem eigenartigen, ganz und gar perſönlichen Menſchenleben und Menſchenbild in Berührung treten, wenn wir hineinblicken dürfen in eine reiche, lebendige Geiſteswelt, die gerade ſo

nur einmal im Lauf der Zeiten dageweſen iſt. Aber ich glaube nicht, daß mein inneres Leben eine andere Richtung genommen hätte, wenn ich zehn oder fünfzehn Jahre früher mit Nietzſche bekannt geworden wäre. Das Evangelium Jeſu Chriſti kann die Menſchen auf eine Höhe der Welt⸗ und Lebensanſchauung führen, wo ſie weder der tobende Wirbelſturm noch die lockenden Sirenentöne der Worte und Gedanken eines Nietzſche im Innerſten zu erſchüttern vermögen. Ich bedaure jene Verſpätung um ſo weniger, als ich allen Grund zu der Annahme habe, daß jedes weitere Jahr des Lebens, des inneren Ausreifens, jede Möglichkeit weiteren Ausblicks und tieferen Einblicks in die Welt wertvoll iſt für den, der Nietzſche kennen lernen will; wie denn auch Zarathuſtra⸗ Nietzſche ſelber keine Jünger haben will, die als wohlwollige Schafe dem Hirten nach⸗ laufen und des Meiſters Worte wiederkäuen. 1