Aufsatz 
Eduard Mörike : Seine Stellung in der Literaturgeschichte und im deutschen Unterricht / von Karl Fischer, Dr. phil., Gymnasialdirektor
Entstehung
Einzelbild herunterladen

49.

verwandelt ſich unter ſeiner Hand, ſagt Herm. Kurz, in Gold; er beſaßdie Andacht zum Unbedeutenden.Er bewies dies in ſeinem Verhältnis zur Natur, zu den Künſten, zu den Wiſſen⸗ ſchaften und ebenſo gut in den Verrichtungen des alltäglichen Lebens..., vertraute Beziehungen feſſelten ihn an die Pflanzen⸗, an die Tierwelt; in den Blumen lag für ihn ein tiefer Sinn, mit allerhand Haustieren und Vögeln hielt er gern Gemeinſchaft. Nicht bloß Dichter war er, ſondern auch in hohem Grade muſi⸗ kaliſch, Zeichner, Schauſpieler, ausgezeichneter Vorleſer.Er er⸗ fand allerhand komiſche Typen, verſetzte ſich völlig in dieſe imaginären Charaktere und hielt die Fiktion bis in die kleinſten Einzelheiten aufrecht. Den Kindern war er beſonders zugethan, und liebte mit ihnen allerlei Kurzweil zu treiben und ſie zu be⸗ ſchenken. Als Greis hatte er ſich in Lorch bei einem Töpfer in die Lehre gegeben; da verfertigte er Vaſen ꝛc., um ſie wieder zu verſchenken, denn Schenken war ihm Bedürfnis.Einen nicht unbeträchtlichen Teil ſeiner Zeit nahm das Briefſchreiben in An⸗ ſpruch; beſtellte Gedichte waren ihm ein Gräuel, aber erüber⸗ ſchüttete freiwillig Schweſter, Gattin, Freunde, Freundinnen mit den Gaben ſeiner Muſe.

Eine nennenswerte Entwicklung hat er nicht durchgemacht: die Gedichte aus der Studentenzeit und der ſich unmittelbar daran anſchließenden Periode zeigen ihn bereits auf der Höhe ſeines lyriſchen Vermögens, wie ja auch ſeine erſte epiſche Leiſtung ſeine bedeutſamſte geblieben iſt. Beſcheiden iſt der Umfang ſeiner Ge dichtſammlung für den Ertrag eines langen Lebens. Aber auf dem verhältnismäßig beſchränkten Raum welch eine Fülle des Lebens, welch ein Reichtum des Inhalts, welch eine Mannigfaltig⸗ keit der Stimmungen, Töne und Formen! Er weiß immer für ſeine Gefühle den rechten Ausdruck, die rechte Form zu finden und handhabt antike und gereimte Versmaße mit gleicher Sicher⸗ heit.Rhythmiſcher Wohllaut erfüllt ſeine melodiſch dahinfließen⸗ den Lieder.

Wie bei den meiſten großen Lyrikern ſtehen auch bei Mörike die Liebeslieder in der vorderſten Reihe; die Peregrinalieder ſind wohl die Krone dieſer Art; nicht minder hat er unvergängliches

4