Aufsatz 
Eduard Mörike : Seine Stellung in der Literaturgeschichte und im deutschen Unterricht / von Karl Fischer, Dr. phil., Gymnasialdirektor
Entstehung
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ich will hier nur ſo viel ſagen, daß ſie als die Tochter reicher Eltern in S. in der Schweiz geboren war, eine ſorgfältige Er⸗ ziehung genoſſen hatte und, von ihrer ſchwärmeriſchen Neigung erfaßt, ſich durch Frau von Krüdener beſtimmen ließ, in ihre Wandergemeinde einzutreten, dafür aber von dem Fluche der Eltern betroffen und aus der Heimat verſtoßen wurde. Der Biograph Mörikes muß ſo viel als möglich in dies Rätſel eindringen, denn nur ſo kann verſtändlich werden, wie ein ſo frommer, reiner und ideal geſpannter Jüngling denn das war Eduard Mörike ſo tief ergriffen wurde von einer Neigung zu jenem Zaubermädchen, wie er es einmal nannte, dem alsbald wieder entſagen zu müſſen wohl den ſchwerſten Kampf ſeines Lebens in ſeinem ſchon wunden und zerriſſenen Innern heraufbeſchwor. Und mit unerſchütterlichem, reinem und feſten Willen hat der feurige, leidenſchaftliche und im höchſten Grade erregte 21 jährige Jüngling dieſen Kampf aufgenommen und durch viele Verſuchungen hindurch Jahre lang zum heilſamen Ende geführt.

Von ſeinen Uracher Gedichten ſind zehn erhalten, keinem aber hat der Dichter einen Platz in der Sammlung ſeiner Gedichte eingeräumt. Das frühſte, was in dieſer ſteht, ſtammt aus dem Jahre 1822, wahrſcheinlich aus den Herbſtferien, ehe er ins Tübinger Stift überging. Aus der Tübinger Zeit ſind außerdem noch 17 Stücke aufgenommen. Wie ſein eigenhändiger Eintrag in die Tübinger Matrikel die Schrift des fertigen Mannes zeigt, ſo tragen auch dieſe Jugendgedichte insgeſamt den Charakter der Vollendung an ſich, nicht der geringſte Reſt jugendlicher Unreife klebt ihnen an.

Den acht Lehrjahren in Urach und Tübingen folgten die acht Wanderjahre, die Sturm⸗ und Drangzeit des Dichters.

Aus Rückſicht auf ſeine Familie, namentlich ſeine innigſt⸗ geliebte Mutter, hatte er ſich ſchon in Tübingen für ein Vikariat vormerken laſſen, obwohl ihn ſeine Neigung zu ganz Anderem trieb. Durch einen unglaublichen Mißgriff kam er im Spät⸗ herbſt 1826 auf eine Vikarſtelle in Oberboihingen bei Nürtingen, wo er ganz allein die ſehr umfangreichen und beſchwerlichen Amts⸗ geſchäfte zu verſehen hatte, da der 80 jährige Pfarrerſo gut wie