— 11—
erinnern mußte. Mit einer gründlichen Gelehrſamkeit verband er die ſtrengſten rechtlichen Grundſätze, die feurigſte Liebe zum Vaterland, und wenn in dieſer Richtung ſein Eifer oft an Härte ſtreifte, ſo war ſein Weſen doch im ganzen durch eine große Herzens⸗ güte, vorzüglich aber durch den Geiſt eines lebendigen Chriſten⸗ tums und einer wahrhaft demütigen Gottesfurcht gemildert. Von meinen Stuttgarter Lehrern erwähne ich mit beſonderer Achtung und Anhänglichkeit den damaligen Herrn Profeſſor Roth, jetzigen Rektor in Nürnberg. Seine Behandlung war der Art, daß ich zum erſtenmal in meinem Leben ohne Zwang etwas zu lernen anfing. Nun kam der Tag der Konfirmation heran, nachdem ich als Vorbereitung dazu den herzgewinnenden Unterricht des Herrn Prälaten v. Flatt, damaligen Stiftspredigers, zu genießen das Glück gehabt hatte. Sein Segenswunſch erinnerte mich mit rührenden Worten an meinen vollendeten Vater, und ich fand mich in meinem Innern zu dem ſtillen Gelübde bewogen, von nun an ernſthafter, frommer, fleißiger zu werden. Sofort nach beſtandener letzter Schulprüfung, dem ſogenannten dritten Land⸗ examen, ward mein Beruf zum Prediger entſchieden ausgeſprochen; im Oktober 1818 wurde ich mit mehr als dreißig Zöglingen in die neuerrichtete Kloſterſchule zu Urach aufgenommen.
Mein Einſtand war inſofern nicht erfreulich, als mich gleich in der erſten Woche das Scharlachfieber auf die Krankenſtube ſprach, worin ich über einen Monat zuzubringen hatte. Übrigens fand ich mich bald in das Geleiſe meiner neuen Studien, die mir nach und nach einen deutlicheren Blick auf den letzten Zweck all dieſes Lernens und Übens gewährten. Die prachtvolle Gebirgs⸗ gegend, das ſchöne Thal, worin wir wohnten, das engere Zuſammen⸗ ſein mit einer Menge junger nach Art und Begabung höchſt verſchiedener Menſchen, die Eigentümlichkeit der Lehrer, die Bekannt⸗ ſchaft mit Büchern, die nicht unmittelbar auf meinen Beruf hin⸗ wieſen— dies alles gab dem nun zum Jüngling erwachſenden Knaben in einer abgeſchloſſenen und einförmigen Lage die mannig— faltigſte Anregung. Die Begriffe gewannen nun ſchnell einen größeren Umfang, Geſinnungen und Neigungen beſtimmten ſich; mit Überraſchung ſah ich eine reiche Welt des Geiſtes vor mir


