Aufsatz 
Eduard Mörike : Seine Stellung in der Literaturgeschichte und im deutschen Unterricht / von Karl Fischer, Dr. phil., Gymnasialdirektor
Entstehung
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Treue auf eine Weiſe geoffenbart hat, die nach Verdienſt zu rühmen, wenn hier der Ort dazu wäre, mir ihre eigene Gegen⸗ wart verböte. Die Leiden meines Vaters dauerten volle drei Jahre. In einer Nacht, wir Kinder ſchliefen ſchon, rief man uns unvermutet an ſein Bette, er lag bewußtlos da und man erwartete ſein Ende; wir knieten um ihn auf dem Boden, die Mutter betete, und noch höre ich den Ton, womit das Lied von ihr vorgeleſen wurde: Gott der Tage, Gott der Nächte, meine Seele harret dein. Hierauf entfernte man die Kinder, da ſich die Auflöſung noch länger zu verzögern ſchien. Am andern Morgen bei unſerem Erwachen ſagte man uns das ganz unfaßliche Wort, daß wir jetzt keinen Vater mehr hätten. Dies war der 22. September des Jahres 1817. Beim Leichenbegängnis trat der Oheim, deſſen ich oben gedachte, der würdige, nunmehr auch heimgegangene Präſi⸗ dent Georgii, deſſen Namen kein Vaterlandsfreund ohne Hoch⸗ achtung nennt, mit der Erklärung hervor, er wünſche mich zu ſich nach Stuttgart zu nehmen und meine Bildung zu fördern, ein Anerbieten, das meine Mutter mit Dank, ich ſelbſt mit Begierde ergriff.

Noch kann ich nicht umhin, bei dieſem Zeitpunkt eines andern inniggeliebten Oheims zu gedenken, des Herrn Pfarrers M. Neuffer zu Bernhauſen, früher zu Benningen bei Ludwigsburg. Von jeher hatte zwiſchen ihm und den Meinen ein ſteter traulicher Verkehr beſtanden, in ſeinem gaſtfreundlichen Hauſe war die reinſte Anmut eines geſellig heitern Familienlebens zu finden, und ſo wie er mit ſeiner lieben Gattin einſt in Tagen unſres ungetrübten Glückes als Freund uns unzertrennlich nahe blieb, erwies er fich auch jetzt, da ſich ſo viel und immer mehr veränderte, als ſorg⸗ ſamſter Berater einer Witwe und der von ihm in Pflegſchaft übernommenen Waiſen.

Ich war nunmehr in Stuttgart und beſuchte, vom Hauſe jenes Verwandten aus, wo ich gleich einem Sohn gehalten wurde, das Gymnaſium. Mit wenig Worten kann ich meinen Wohlthäter als einen Mann bezeichnen, welcher durch manchen Zug ſeines entſchiedenen Charakters an die fromm kräftigen Geſtalten aus dem Altertum, wie ſie durch Schilderung uns überliefert ſind,