Aufsatz 
Eduard Mörike : Seine Stellung in der Literaturgeschichte und im deutschen Unterricht / von Karl Fischer, Dr. phil., Gymnasialdirektor
Entstehung
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Stadt und Umgegend ausgebrochenen Seuche, wobei er ſelbſt zu Nacht ſich wenig Ruhe gönnte, ward er ſichtbar geſchwächt, und es bereitete dieſer Zuſtand einen Schlaganfall vor, der erſtmals bei der beſondern Veranlaſſung eintrat, daß den ſonſt ſo kraft⸗ vollen Mann der Anblick ſeiner ſterbenden Mutter aufs äußerſte ergriff. Mit dieſem Tage begann das Glück unſeres Hauſes in mehr als Einem Betrachte zu ſinken. Noch fürchteten wir nicht das Schlimmſte; auf den Gebrauch des Wildbads zeigte mein Vater einige Beſſerung, er ließ ſich nicht abhalten, ſeine gewöhnlichen Geſchäfte wieder zu verſehen. Wiederholte Bäder in den folgenden Jahren thaten die erſte Wirkung nicht mehr, er wurde hinfällig und mußte ſein Amt übergeben. So war alſo der unermüdet fleißige Mann, welcher, wie ſeine unvollendet hinterlaſſenen Schriften bezeugen, der wiſſenſchaftlichen Welt ebenſoviel zu werden gedachte als er in ſeinem engern Wirkungskreiſe der Stadt und dem Lande durch perſönliche Hilfleiſtung geweſen war, nun auf einmal aus ſeiner geſegneten Thätigkeit für immerdar herausgeriſſen und in die äußerſte Ohnmacht verſetzt. Außer der ganzen linken Seite ſeines Körpers waren auch die Sprachwerkzeuge beinahe völlig gelähmt, das Gedächtnis auffallend geſchwächt, ſelbſt die Denkkraft hatte gelitten. Wenn nun das Vertrauen ſo mancher, denen er ſonſt ſeine Dienſte gewidmet und im eigentlichen Sinne des Worts geſchenkt hatte, ſich auch jetzt nicht wollte abweiſen laſſen und ihn mit rührender Zudringlichkeit bis in ſein Krankenzimmer verfolgte, wenn er, die Feder in der zitternden Hand, den rechten Ausdruck ſuchte und nicht fand und er zuletzt mit unterdrückter Wehmut die Leute wieder entließ oder, höchſt reizbar, daß ihm niemand, meine Mutter kaum, ſich nähern durfte, wenn oft der jammervoll Da⸗ ſitzende mich unter Thränen zwiſchen ſeinen Knieen hielt und mir ein ſchwer zu erratendes Wort mit Liebkoſungen gleichſam ab⸗ ſchmeicheln wollte, um den andern zu ſagen, was er verlange ſo waren das Augenblicke des herzzerreißenden Elends, die unaus⸗ löſchlich in meiner Erinnerung ſtehen. Hier mußte der Knabe den Ernſt des Lebens, dem er entgegenwuchs, und die Hinfälligkeit alles Menſchlichen mit erſchütternder Wahrheit empfinden In dieſen bangen Zeiten war es aber auch, wo ſich die unerſchöpfliche Liebe meiner Mutter, ihre Umſicht, ihre Geiſtesſtärke, ihre fromme