Aufsatz 
Eduard Mörike : Seine Stellung in der Literaturgeschichte und im deutschen Unterricht / von Karl Fischer, Dr. phil., Gymnasialdirektor
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

Ich befand mich als Knabe in einem lebhaften Kreis von mehreren Geſchwiſtern, die im Alter teils vor teils hinter mir ſtanden. Die Verhältniſſe meiner Eltern waren für die erſte Entwicklung der Kinder günſtig genug; allein es konnte der Vater bei einem äußerſt geſchäftsvollen Amte, das ihn den Tag über meiſt außer dem Hauſe feſthielt, bei der raſtloſen Thätigkeit, wo⸗ mit er ſelbſt daheim nur ſeiner Wiſſenſchaft lebte, an unſerer Erziehung nur den allgemeinſten Anteil nehmen. Wenn er auf uns wirkte, ſo geſchah es zufällig durch einzelne Winke oder gewiſſermaßen ſtillſchweigend durch den ſo liebevollen als ernſten Eindruck ſeiner ganzen Perſönlichkeit; ausdrücklich belehrend war ſeine Unterhaltung ſelten, und gegen die Jüngern, zu denen ich gehörte, faſt niemals. Dagegen konnte uns im Sittlichen die Mutter auch ſtatt alles anderen gelten. Durch ihre Zärtlichkeit, ihr reines Beiſpiel und durch ein Wort, zur rechten Zeit geſprochen, übte ſie ohne ſtudierte Grundſätze und ohne alles Geräuſch eine unwiderſtehliche ſanfte Gewalt über die jungen Herzen aus. In tieferer gemütlicher Beziehung aber hatte die Eigentümlichkeit eines älteren Bruders den größten Einfluß bald auf mich gewonnen. Was nur ein jugendlicher Sinn irgend Bedeutungsvolles hinter der Oberfläche der äußeren Welt, der Natur und menſchlichen Verhältniſſe zu ahnen vermag, das alles wurde durch die Geſpräche dieſes Bruders auf einſamen Spaziergängen, wenn ich ihn manchmal auch nur halb verſtand, in meinem Innern angeregt, er wußte den gewöhnlichſten Erſcheinungen einen höheren und oft geheimnis⸗ vollen Reiz zu geben; er war es auch, der meine kindiſchen Gefühle zuerſt mit mehr Nachhaltigkeit auf überſinnliche und göttliche Dinge zu lenken verſtand.

Indes beſuchte ich die lateiniſche Schule, man ließ mich einen Anfang in den alten Sprachen machen, um ſeiner Zeit, wenn über meine Beſtimmung entſchieden werden ſollte, vollkommene Wahl zu haben. Mein Vater wünſchte nicht, daß einer ſeiner Söhne ſeinen Beruf ergreife, und man war, beſonders auf den Wunſch eines verehrten Oheims, ſchon ziemlich übereingekommen, mich dem geiſtlichen Stande zu widmen.

Im Jahre 1815 erkrankte mein Vater auf bedenkliche Art. Infolge übermäßiger Anſtrengung bei Gelegenheit einer in der