Aufsatz 
Staats-, Wirtschafts- und Sozialpolitik auf höheren Lehranstalten : ein Entwurf / von Karl Fischer
Entstehung
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Durch all dies hat der Herr die Berufsarbeit, heiſse sie wie sie wolle, zum täglichen Gottesdienst gemacht und die Bethätigung der Nächstenliebe zum praktischen Kern aller Religion. Und was hat die gottlose Selbstsucht in sog. christlichen Staaten aus dieser christ- lichen Volkswirtschaftspflege gemacht? Die Sozialdemokratie giebt die deutlichste Antwort darauf: die Arbeit ist im allgemeinen und prinzipiell eine Last, nur Genulſs hat Wert; nur Handarbeit verdient noch den Namen Arbeit, und die sie verrichten, sind die Proletarier; jeder ist sich selbst der Nächste und verdient und genieſst möglichst viel bei möglichst wenig Mühe; der Arbeiter ist eine kleine belebte Maschine, deren Existenz bei dem Kalkül nur soweit in Frage kommt, als die Rentabilität und Konkurrenzfähigkeit in Betracht kommt; Barmherzigkeit üben ist bei Einigen Mode, bei Andern Bedürfnis, bei sehr vielen ein Akt sogenannter Generosität, welche das liebe Ich in günstiger Beleuchtung erscheinen lälst, so etwas was die antike liberalitas war.

Aber auch das Mittelalter war in dieser Richtung schon krank. Während das klassische Altertum, was von einem Jenseits nichts wulste, weder die Arbeit noch das Leben an sich zu schätzen wulste, es sei denn als Mittel oder Träger für Tugend bzw. Genuls, verfiel das Mittelalter in den entgegengesetzten Fehler, nur das Jenseits zu schätzen: Arbeit war ein notwendiges UÜbel, und Barmherzigkeit nur geboten, um sich das Jenseits zu sichern. ¹) Jede wirtschaftliche Thätigkeit war in den wichtigsten Beziehungen kirchlich unterbunden. Die Opposition hiergegen ging von den Städten aus, bis die Wieder- nerstellung des biblischen Christentums der Entwicklung der Volks- wirtschaft neuen Boden schaffte ²), auf dem allerdings dann nichts weniger wie christlich gewirtschaftet wurde.

Es ist für die vorliegende Frage bedeutungslos, sich mit den nächsten Stufen der Volkswirtschaftslehre: der sog. Kameralwissen- schaft, dem Merkantilsystem und der Lehre der Physiokraten zu befassen, wohl aber ist in Betracht zu nehmen die Lehre von A. Smith, welche in Verbindung mit der Erfindung Watt's das noch heute herrschende Industriesystem begründete bzw. hervorrief. Indem Smith als die Quelle alles Wohlstandes die Arbeit ansah, zog er hieraus die Konsequenz der Arbeitsteilung und der freien

1) Vgl. Uhlhorn a. 0. II. Bd. 2) Vgl. des Verf.: Deutsches Leben und deutsche Zustände von der Hohen- staufenzeit bis ins Reformationszeitalter. 2