Aufsatz 
Ist eine Philosophie der Geschichte wissenschaftlich erforderlich bezw. möglich? / von Karl Fischer
Entstehung
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welche Neigung und Anlage dazu haben, dieſe Vorarbeiten in aus⸗ gedehnterem Maße als ſeither in Angriff nehmen. Ich denke mir dieſelben ſo. Es bedarf zunächſt der zuſammenfaſſenden Darſtellung beſtimmter Perioden, aus denen die in denſelben herrſchenden geſchichtlichen Mächte ſowie die durch dieſelben hervorgebrachte Ent⸗ wicklung klar zu Tage treten. Als Beiſpiele führe ich an Uhlhorns Der Kampf des Chriſtentums mit dem Heidentum, H. Prutz, Kulturgeſchichte der Kreuzzüge, Vogts bekanntes Werk über die Renaiſſance, Burkhards Kultur der Renaiſſance, meine Arbeit Deutſches Leben und deutſche Zuſtände von der Hohenſtaufenzeit bis in das Reformationszeitalter u. a. Nur mit Vorſicht zu gebrauchen iſt die Arbeit von Mahrenholtz und WünſcheGrundzüge der ſtaatlichen u. geiſtigen Entwicklung der europ. Völker. Oppeln 1888. Von hervorragender Bedeutung dagegen iſt das im großen Stil angelegte und durchgeführte, wenn auch keineswegs einwandfreie Werk von H. v. EickenGeſchichte und Syſtem der mittelalterlichen Weltanſchauung 1887. Sodann würde daran gedacht werden können, die geſamte deutſche Geſchichte einer derartigen zuſammen⸗ faſſenden Darſtellung zu unterziehen. Die Kritik freilich dürfte ſich ſolchen Arbeiten gegenüber nicht darauf beſchränken, die Irrtümer, welche bei ſolchen Arbeiten im Einzelnen immer unterlaufen, auf⸗ zuzeigen, ſondern zu konſtatieren, ob die Geſamtauffaſſung und die weſentlichen Ergebniſſe richtig und die Darſtellung angemeſſen ſei. Da ich der Anſicht bin, daß fürs erſte die Geſchichtsphiloſophie Sache der Hiſtoriker ſei, ſo würde dieſe ſelbſt mit derartigen Bearbeitungen auch zunächſt zu beginnen haben. Je umfaſſender dieſe allmählich werden und je mehr weſentliche Ergebniſſe für ausgedehnte geſchichtliche Perioden gefunden ſind, deſto eher wird der heute m. E. noch ferne Zeitpunkt eintreten, wo die Philoſophen in dieſe Arbeit mit eintreten können; wo das geſchehen kann was Kaftan fordert, nämlich diephiloſophiſche Deutung. ¹) Aber auch dieſeſpekulative Aufgabe iſt nur dann zu löſen,wenn man ein Prinzip mit daran heranbringt, deſſen Richtigkeit und Wahrheit dem menſchlichen Geiſte anderswie gewiß geworden.

1) Kaftan, die Wahrheit ꝛc. S. 417. 1 9