Aufsatz 
Ist eine Philosophie der Geschichte wissenschaftlich erforderlich bezw. möglich? / von Karl Fischer
Entstehung
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in Natur und Geſchichte die Willkür der ſelbſtiſchen, der beſchränkten Vernunft entgegenzuſetzen, dann aber zeigt ſich gerade wieder die innere Notwendigkeit, die Kraſt des göttlichen Geſetzes faktiſch. Wie nämlich der Menſch ſeinerſeits reagiert gegen ſeine Grund⸗ beſtimmung und gegen die darin geſetzte Zielbeſtimmung, ſo reagiert dann auch gegen ihn das Leben mit ſeiner phyſiſchen und geiſtigen Organiſationskraft; indem der Menſch das tragende Prinzip des Lebens von ſich ſtößt und ſich in Krieg mit demſeelben ſetzt, erfährt er es als das abſtoßende und richtende Prinzip, und am Ende als das zermalmende.

Und was uns die bibliſche Pädagogik für den Einzelnen lehrt,¹) das lehrt ſie uns auch für die Geſchichte. Es gibt Völker, welche nach ihrem Naturell, ohne Erkenntnis des Geiſtesgeſetzes, ohne perſönliches Schuldbewußtſein, verhältnismäßig lang leben, beſtimmt durch die Natur, und bis das Gewiſſen der Erwecker aus ihrem traumhaften Dämmerleben wird; auf der zweiten Stufe folgt die Erziehung nach dem Geſetz durch die Furcht, auf der dritten nach dem Geiſt durch die Liebe. Dieſe drei Stufen ſind auch geſchicht⸗ lich bemerkbar und ziehen ſich noch heute neben einander her, auch in der weiten Welt der Namenschriſten.

Man wird ſich erinnern, daß ich früher von der Wichtigkeit der vergleichenden Biologie geredet habe; man wird jetzt vielleicht ſehen, daß die vergleichende Pſychologie und Pädagogik nicht minder wichtig für die Geſchichtsphiloſophie ſind, immer voraus⸗ geſetzt, daß die feſte Grundlage bei allen dreien die bibliſche iſt. Wie die vergleichende Biologie aus einer Verbindung der bibliſchen und natürlichen Biologie und deren Anwendung auf das geſchicht liche Leben der Menſchen entſteht, ſo die vergleichende Pſychologie aus der Kombination der bibliſchen und empiriſchen Pſychologie und die vergleichende Pädagogik aus einer Kombination der bibliſchen und empiriſchen Pädagogik bezw. deren Anwendung auf das geſchichtliche Leben. So ſind dieſe drei Faktoren die wichtigſten Unterſuchungsinſtrumente des Geſchichtsphiloſophen. Mit dieſen drei Inſtrumenten verſehen wird dieſer auch nie wieder in die

¹) Vergl. meine Schrift a. a. O. S. 73 ff.