Aufsatz 
Ist eine Philosophie der Geschichte wissenschaftlich erforderlich bezw. möglich? / von Karl Fischer
Entstehung
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letzten Punkte hat die Philoſophie Günthers das beſte geleiſtet; ſie bekämpft energiſchden antiken Bandwurm, den Pantheismus, ſie zeigt: ſchafft der perſönliche Gott, ſo ſchafft er etwas Andres wie ſich ſelbſt; da iſt keine Emanation, keine Differenzierung des Göttlichen möglich; da iſt ein reiner Schöpfungsbegriff, eine reinliche und unüberwindliche Scheidung von Gott und Welt; ſie iſt Geiſtes⸗ und Naturwelt, der Menſch iſt, wie geſagt, die Einheit beider. ¹)

Die neuſte Periode der Geſchichtsphiloſophie iſt durchweg naturaliſtiſch, oder, wie ſie Rocholl nennt, phyſiologiſch⸗materiell. In Frankreich tritt ſie in der Philoſophie als der ſogenannte Poſitivismus von Comte, ſonſt als Sozialismus und Materialismus, auf, in England als Naturalismus, in Deutſchland vielfach als Peſſimismus. Am energiſchſten und konſequenteſten haben ſich zuvörderſt von allem ſeither in Geltung ſtehenden Quételet und Comte losgeſagt. Nach jenem iſt die Geſellſchaft eine phyſiſche Größe; die Wiſſenſchaft von ihr iſt alſo Phyſik; wie nach ſeiner Meinung die Geſellſchaft es iſt, welche die Verbrechen macht, der Einzelne iſt nur das Werkzeug ſo rechnet er auch ſtatiſtiſch denmittleren Menſchen heraus. Comte ²) kennt nur eine Wiſſenſchaft, das iſt die Sozial⸗Phyſik, ein Teil von ihr, die Dynamik, findet die Geſetze des Fortſchritts; an die Stelle der Pſychologie tritt die Phyſiologie, der Fetiſchismus iſt die Höhe, der Monotheismus der Verfall der Religion. Aller Theismus iſt eine Durchgangskrankheit; nur die Erfahrung hat Wert. Dieſer ſogenannte Poſitivismus die Darwiniſten Taine, Bagehot u. a. ſtehen ihm weſentlich nahe will die Begriffe von Gott und Religion, Urſache und Folge, kurz alle abſoluten Ideen aus der Geſchichte entfernen, wie Darwin die Arten fortgeſchafft hat; damit iſt die Geſchichtswiſſenſchaft vernichtet und eine Geſchichtsphiloſophie kann nur noch dem Namen nach beſtehen. Nach Taine iſt die Geſchichte ein Problem der Mechanik; zwiſchen Moral und Chemie

¹) Dieſe philoſophiſche Arbeit hat mit Erfolg fortgeſetzt Th. Weber, Metaphyſik, wiſſenſchaftliche Begründung der Ontologie des poſitiven Chriſten⸗ tums. Gotha, F. A. Perthes 1888 I. Er weiſt auch den Pantheismus des römiſchen Normal⸗Theologen Th. v. Aquino nach.

2) Ueber Comte vergl. Kaftan, die Wahrheit ꝛc. S. 419 ff.